Die richtigen Kräuter sammeln!

Huflattich, Löwenzahn, Breitwegerich, Bärlauch, Gundermann, Beinwell

Wie der überreiche Lindenduft in weichen Schwaden ganze Täler füllt, und wie neben den müden, reifenden Kornähren die farbigen Ackerblumen gierig leben und sich brüsten, wie sie verdoppelt glühen und fiebern in der Hast der Augenblicke, bis ihnen viel zu früh die Sichel rauscht.

Hermann Hesse; In der alten Sonne

Im letzten Jahr wurde der Giersch als das Kraut der Kräuter in allen Medien gehypt. In den sozialen Netzwerken wurden Unmengen von Giersch-Rezepten propagiert von Giersch-Eintöpfen, über Giersch-Salaten und letztendlich, weil es so hip ist, Giersch-Smoothies. Es entstand fast der Eindruck, dass eine gesunde Ernährung nur mit Giersch möglich sei. Zwischenzeitlich frage ich mich, wo sind all die guten Ratgeber geblieben? Wahrscheinlich hat es genügend Menschen gegeben, die diesen Empfehlungen gefolgt sind und sich enttäuscht voller Ekel von der grünen Krautpampe abgewendet haben. Vielleicht haben sie sich an den Autoren gerächt – mit einer ordentlichen Portion Giersch.

Mit den Kräutern sollte man sich auskennen

In diesen Tagen registriere ich eine vermehrte Nachfrage nach der Gundelrebe auch Gundermann genannt. Sie ist keine anerkannte Heilpflanze, auch wenn ihr vielerlei gute Wirkungen zugeschrieben werden. Es ist immerhin Geschmackssache – und das nicht für jedermann – das aromatische kleine Kräutlein für die Frühlingsküche zu verwenden. Es grünt und spriesst jetzt an Wiesen- und Böschungsrändern. Seine winzigen blauen Blüten bilden blauschimmernde Teppiche. Zeitgleich blüht violett auch die Stängelumfassende Taubnessel und bildet stellenweise ebenso schöne Blütenteppiche. Wem die Unterschiede nicht bewusst sind, kann beide Pflanzen durchaus verwechseln. Zumahl Google in den Suchergebnissen die Stängelumfassende Taubnessel bei der Suche nach Gundermann anzeigt.

  • Gundermann oder auch Gundelrebe genannt
    Der Gundermann ist ein typisches Kraut für die wilde Frühjahrsküche.
  • Ein typischer Frühblüher auf den Wiesen ist die Stängelumfassende Taubnessel.
    Ein typischer Frühblüher auf den Wiesen ist die Stängelumfassende Taubnessel.

Im Prinzip ist das bei der Taubnessel und der Gundelrebe nicht weiter problematisch, da beide Pflanzen ungiftig und in ihrer Heilwirkung nicht von Bedeutung sind. Es zeigt aber deutlich, dass bei mangelnder Kenntnis der Pflanzen, die Gefahr besteht, die Falschen im Korb zu haben. Es ist wie beim Pilzesammeln: Verwechslungen bergen immer die Gefahr von Gesundheitsschäden und Vergiftungen!

Umfassende Informationen zu Pflanzen und Heilkräutern bietet das Heilpflanzen-Lexikon auf dieser Web-Site. Zahlreiche Kräuterbücher, Internet-Foren und Seiten beschreiben die Pflanzen exakt mit Anwendungsgebieten, und mitunter wo sie zu finden sind. Mein Tipp: vor dem Sammeln informieren! Sollten dennoch Zweifel bestehen, um welche Pflanze es sich handelt, ist sie besser in der Vase oder im Herbarium aufgehoben als im Teekrug oder Suppentopf.

Nicht die Dosis macht das Gift, sondern das falsche Kraut

Gross ist die Gefahr der Verwechslung zum Beispiel bei dem allseits beliebten Bärlauch. Die Blätter des Bärlauchs haben eine grosse Ähnlichkeit mit denen der Maiglöckchen. Mitunter wuchern beide in den selben Waldarealen und haben beide die wunderschönen dunkelgrünen länglichen Blätter. Generell lassen sich die Bärlauchblätter unzweifelhaft am Duft der Blätter identifizieren. Der knoblauchartige Geruch ist sein Markenzeichen. Allerdings wird es bei grösseren geernteten Mengen problematisch dann jedes Blatt auf den Geruch hin zu untersuchen, denn der klebt dann meistens schon an den Händen. Erwischt man die Blätter des Maiglöckchens, kommt man unweigerlich mit den giftigen Wirkstoffen in Berührung, die auf keinen Fall in Speisen oder Zubereitungen landen dürfen! Herzwirksame Glykoside sind in den Pflanzenteilen des Maiglöckchens enthalten. Das Unwohlsein kann man sich sparen!

Bärlauchfeld im Laubwald
Bärlauch findet sich meist im Schatten grosser Laubgehölze.

Dauerthema im Zusammenhang mit dem Thema „Kräuter selber sammeln“ sind die Pyrrolizidinalkaloide. Pflanzen sind Lebewesen und versuchen, sich gegen ihre natürlichen Feinde zu schützen. Die Pflanzen der Gattungen der Boraginaceae, Asteraceae und Fabaceae bilden in ihren Blättern, Blüten und Stengeln Frassgifte aus, die Schnecken, Raupen, Insekten vom Verzehr ihrer Pflanzenbestandteile abhalten sollen. Eines dieser Frassgifte sind die Pyrrolizidinalkaloide, die auch auf die menschliche Gesundheit negative Effekte auslösen. Sie sind u. a. leberschädigend. Zwar sagte schon Paracelsus: „Die Dosis macht das Gift“, aber Menschen mit Leberproblemen sollten Anwendungen von Pflanzen, die Pyrrolizidinalkaloide enthalten, vermeiden. Zu ihnen zählen die beliebten Klassiker: Huflattich, Beinwell, Schöllkraut, u. v. a..

Wen juckt das schon?

Heilpflanzen und -kräuter sind kleine Individuen wie wir. Obwohl es offenbar sich um das richtige Kraut handelt, kann es sein, dass bei Anwendung die gewünschte Wirkung ausbleibt. Kräuterkundige verweisen immer wieder auf die alte Weisheit, dass jeder sein Heilkraut auch finden muss. Was zunächst mystisch anmutet, ist die einfache Tatsache, dass nicht jeder Körper gleich auf die Wirkstoffe bzw. Wirkstoffkonzentrationen oder -kombinationen reagiert. Oftmals sind es gerade bestehende Allergien, die zielführenden Anwendungen im Wege stehen. Wer zum Beispiel auf Korbblüher allergisch reagiert, dem wird die Kamille trotz ihres hohen Wirkpotenzials wahrscheinlich wenig helfen.

Der Kräuterpfarrer Kneipp wies eindringlich in seinen Schriften darauf hin, dass man nur soviel Kräuter sammeln sollte, wie man braucht. Er zielte mit seiner Aussage damals darauf ab, dass sich im Laufe der Zeit während der Lagerung die Wirkung der Heilkräuter allmählich abschwächt. Dementsprechend entwickelte er seine Logik, dass im neuen Jahr die Kräuter frisch gesammelt, getrocknet und aufbereitet werden. Unterjährig können die Bestände vieler Kräuter bei Bedarf immer wieder aufgestockt werden.

Sammeln nicht ernten

Der Reichtum der Wiesen und Wälder, obwohl oftmals in Privatbesitz, wird als Allgemeingut betrachtet. Die Entspannung und Erholung, die wir von Spaziergängen und Wanderungen mit nach Hause bringen, kostet uns lediglich unsere Überwindung. Selbstverständlich gestehen wir anderen auch dieses Recht zu. Wir sollten diese Sichtweise auch auf das Sammeln von Kräutern und Pflanzenteilen anwenden. 1) viele Menschen neben uns, möchten auch am der Vielfalt der Pflanzen teilhaben. 2) die Kräuter und Pflanzen sind Lebenswelten und bieten Nahrung für viele Insekten, Tiere und andere Lebewesen, ohne die unsere Welt ärmer wäre 3) abgeerntete Flächen gefährden den Fortbestand. Wir alle möchten doch an den Plätzen, wo wir heute das Kraut pflückten, das Pflänzchen mit seinen Nachkommen auch im nächsten Jahr wiederfinden. Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und der Nächste freuen sich, wenn nicht alle Blüten am Holunderstrauch abgepflückt worden sind.

Der Platz will wohlbedacht sein

Dass Wildpflanzen und -kräuter in Kontakt mit Tieren kommen, ist nicht ungewöhnlich. Es müssen auch nicht immer die Spaziergänger mit ihren Hunden sein, deren Halter hoffentlich die Häufchen in die mitgebrachten schwarzen Tüten verpacken. Naturgedüngte Flächen oder Weidevieh hinterlassen auch Ausscheidungen, die für die menschliche Gesundheit nicht unbedingt förderlich sind. Die unerwünschten Rückstände sind selten auf den Pflanzen sichtbar. Im Allgemeinen werden die Pflanzen vor dem Trocknen oder der weiteren Verarbeitung nicht intensiv im Wasserbad gereinigt, um die Wirkstoffe nicht auzuspülen. Daher ist das Sammeln in der Nähe oder an Rändern von Feldern und Weiden vermeidenswert. Immerhin sollen die Blätter oder Wurzeln früher oder später zwar mit Wasser überbrüht getrunken werden, aber möglichst frei von Fremdstoffen. Das selbe trifft auch auf Feldränder zu. Die industrielle Landwirtschaft düngt mit Kunststoffen und bekämpft mit chemischen Mitteln Schädlinge. Auch wenn die verwendeten Stoffe biologisch unbedenklich sind, können sie bei empfindlichen Menschen allergische Reaktionen hervorrufen, bzw. das feinstoffliche Gemisch der pflanzlichen Inhaltsstoffe stören. Daher macht es Sinn, sich bewusst für oder gegen einen Platz zum Sammeln zu entscheiden.

Viel Spass bei der nächsten Kräuterwanderung oder dem kleinen Abendspaziergang. Sollten Sie dabei Kräuter sammeln wollen, vergessen Sie den Weidenkorb oder den Baumwollbeutel nicht! Eine saubere Papiertüte leistet übrigens auch gute Dienste.

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