Hildegards Mystik

Das Ringen um Heiligkeit

Hildegard von Bingen war geplagt von Zweifeln. Ein nicht untypischer Prozess für tief gläubige Menschen. Gott bleibt selbst den am meisten im Glauben gefestigten Menschen rätselhaft. Das musste auch sie erfahren. Ihre Visionen, so grossartig und phantastisch sie auch heute anmuten, waren ihr eine grosse Belastung. Die Kraft für ihre grossartige Lebensleistung, die Gründung zweier Klöster, die theologischen Schriften, ihre Aufzeichnungen zur Naturheilkunde und letztendlich ihr musikalisches Werk, schöpfte sie aus ihrem festen Gottvertrauen.

Die Volksheilige wird verehrungswürdig

Die Verkündigung am 10.Mai 2012, dass die liturgische Verehrung der Heiligen Hildegard von Bingen nun offiziell auf die gesamte Weltkirche ausgeweitet wird, löste Jubel und Freude bei den Menschen im mittleren Rheintal und bei ihren Anhängerinnen in aller Welt aus. Ein deutscher Papst hatte sich im achten Jahre seines Pontifikats ein Herz gefasst, und der Volksheiligen endlich nach einem rund 800 Jahre schwebenden Verfahren, sieben Anläufen, 39 Generationen Schwestern in ihrer Nachfolge, 87 Pontifikaten die offizielle Anerkennung verschafft.[1]

Die Anerkennung als vierte Kirchenlehrerin

Wenige Monate später am 7. Oktober 2012 wurde sie in den Stand als Kirchenlehrerin erhoben. Einige Stimmen sahen in diesem Vorgehen eine Degradierung der Heiligen vom Rhein. Wiederum betont die römische Kurie eben mit dieser Anerkennung, die Wichtigkeit der von ihr vertretenen Positionen und ihrem spirituell-mystischen Werk für die Lehre der katholischen Kirche. In der römisch-katholischen Kirche werden die Kirchenlehrer in der Tradition der Kirchenväter gesehen und verehrt. Sie gelten als „Autoritäten des Glaubens“. Dem Verständnis nach wird in ihren Werken das Wahre des Glaubens gegen alle Anfeindungen der Zeit ohne Abschwächungen weitergegeben.[2]Wenig schlüssig sind die Argumentationen der Kritiker, dass mit der Anerkennung als Kirchenlehrerin die Abschwächung Hildegards Sichten, Meinungen und ihrer Werke als Ziel verfolgt würde. Wohl eher ging es Papst Benedikt XVI., dem Intellektuellen und Universitätsprofessor, dem früheren Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, in Teilen um seine angestrebte Konzeption der Rückbesinnung und des Fokussierens auf die Heilige Schrift. Sein Pontifikat war gekennzeichnet von Bestrebungen, Abstand zu nehmen vom sogenannten „Psychologisieren“ und in allen Glaubensfragen einer vermehrten Einbeziehung des Spirituellen-Mystischen zu fördern. Zweifellos stellt die historische Figur der Hildegard von Bingens die ideale Verkörperung eben dieses Konzeptes dar. Ihre Persönlichkeit vereint drei entscheidende Komponenten: die Praktische, eines Lebens innerhalb und für die universale Kirche, die Theologische: die Verbreitung der Lehre des christlichen Glaubens in ihren zahlreichen Schriften und Werken, und letztendlich die Geistige: ihre außergewöhnliche durch Mystik geprägte Spiritualität.

Wieso die Stimmen um die „Posaune Gottes“ verstummten und ihre Werke zu großen Teilen lange Zeit in Vergessenheit gerieten, darüber kann nur gemutmaßt werden. Vielleicht wird die historische Forschung eines Tages präzise Erkenntnisse dazu präsentieren. Fakt ist, Hildegard war keine besonders bequeme Zeitgenossin. Die überlieferten Predigten und Schriftwechsel mit den Mächtigen ihrer Zeit bezeugen eine ausgeprägte Konfliktfreudigkeit. Beispielhaft dafür ist der anfänglich von Wohlwollen getragene Briefwechsel zwischen Kaiser Barbarossa und ihr. Er mündete später in einer harschen Kritik an ihm und seiner Politik. Die Interessenlagen der patriarchalischen Kirchenführer, wechselten zwischen Machtpolitik, moralischen Ansprüchen und theologischer Deutungshoheit mit den jeweiligen Pontifikaten. Dass sie nicht an einer den Widerspruch fördernden Persönlichkeit interessiert sein konnten, liegt offensichtlich auf der Hand. Dabei waren gerade die Heiligen der christlichen Kirche mit Kritik in den eigenen Reihen nicht gerade zimperlich. Egal, ob es der polternde Apostel Paulus, Franz von Assisi oder der ermordete Erzbischof Óscar Romero waren. Zu Letzterem ist der von Papst Johannes Paul II. drohend gegen ihn erhobene Zeigefinger in lebendiger Erinnerung geblieben. Mit der Heiligsprechung Romeros hingegen durch Papst Franziskus im Jahre 2018 wendete sich auch in dieser Sache das Blatt.

Fehlen die Informationen, blüht das Gerücht.

Die über Jahrhunderte durch den Vatikan verschleppte Kanonisierung Hildegards war und blieb für die Menschen unverständlich und rätselhaft. Ihre immer wieder hinausgezögerte Heiligsprechung verlieh ihr den Nymbus einer Volksheiligen, der man die Anerkennung verwehren wollte. Das gab einen kräftigen Auftrieb für eine Menge Fehlinterpretationen und Scharlatanerie in ihrem Namen. Selbst die diskret ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen zwischen dem Heiligen Stuhl in Rom und den örtlichen Bischöfen blieben dem Kirchenvolk nicht verborgen. Das bildete den Nährboden für immer wieder aufkommende Spekulationen, Gerüchte, Verdächtigungen und Mutmaßungen. Fast schon als Tradition lassen sich die immer mal wiederkehrenden Spannungen zwischen Rom und dem Bischof von Mainz, in dessen Zuständigkeit die beiden Klöster Hildegards gehörten, bezeichnen. Sie waren nicht selten den Interessenskonflikten und den Machtansprüchen beider Parteien geschuldet. Hildegards Visionen waren bereits 1147 offiziell von Papst Eugen III. autorisiert worden. Das Jahrhunderte dauernde Ausbleiben der Heiligsprechung der Person Hildegards erzeugte bei den Menschen ein Gefühl, dass Hildegards Visionen etwas enthalten haben könnten, was nicht dem Bild und der gängigen Lehrmeinung der katholischen Theologen entsprochen hätte und daher von den Kirchenlenkern stillschweigend ignoriert worden wäre. 

Entgehen ihnen die Sinnlichkeit und die Bilder und Formen, so wissen und fühlen sie nichts mehr.

Johannes Tauler, Schüler Meister Eckharts

Kurz vor seinem Tod im Jahre 1961 beklagte der Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung die Abwesenheit des Göttlichen in unserem alltäglichen Leben, Glauben und Denken. Seiner Meinung nach ist damit etwas sehr Wertvolles aus dem Seelenleben des rationalen Menschen abhanden gekommen. Es ist nicht einfach verschwunden, wie auch unsere Instinkte nicht verschwunden sind. Seiner Auffassung nach wirken sie in unserem Unbewussten weiter. Weil wir aber seltsamerweise verlernt haben, das Mystische in unseren Gedanken und Gefühlen anzuerkennen und zu leben, sind unsere Reaktionen darauf oft angstvoll, verunsichert und zutiefst irritierend.[3]

Die Mystik der Hildegard als Weg

Der Begriff des Mystischen leitet sich vom griechischen Wort mysitkos ab, das geheimnisvoll bedeutet. Theoretisch umschreibt er das Erstreben eines gefühlsmäßigen Aufgehens in Gott. Damit wird eine Erkenntnisform der inneren Schau beschrieben. Die Eindrücke lassen sich nicht mit erkenntnistheoretischen Ansätzen oder der Beteiligung rationalen Denkens als alleinige Erkenntnisquelle fassen. Sie sind frei von Dogmen.[4]In allen Religionen und religiösen Strömungen existieren Menschen, die über ihren spirituellen Glauben hinaus eine tiefe gefühlsmäßige Verbundenheit mit dem Göttlichen erleben. Sie sehen, fühlen, empfangen und hören Dinge, die weit über die verkündeten und erlernten Dogmen hinausreichen. Sheik Abidin Shehu, Oberhaupt der Rufai-Derwische, einem muslimischen Mystiker-Orden im kosovarischen Prizren, beschreibt das in sehr schönen Bildern: „Die Schätze des Meeres findet man nicht oben an der Oberfläche. Den wahren Reichtum findet man in der Tiefe. Natürlich befindet sich auch ein Schwimmer im Meer. Aber wer die wahre Tiefe erleben will, muss zum Taucher werden … Was auch immer du aus der Tiefe des Meeres birgst und mit nach oben nimmst, ist sehr wertvoll.“[5]

Wir sind dermaßen in unser subjektives Bewusstsein verwickelt und verstrickt, dass wir einfach die uralte Tatsache vergessen haben, dass Gott hauptsächlich durch Träume und Visionen spricht.

C. G. Jung

Die wohl bekannteste mystisch-spirituelle Vision des Alten Testaments ist der Traum Jakobs in Genesis 28, 12. Dessen eindrucksvolle Symbolik hat seine Faszination bis heute nicht eingebüßt. Er ist nach wie vor Inspirationsquelle für viele Künstler, Theologen, Philosophen. Jakob, Sohn des Isaaks, träumte in Bildern und in Worten und der Herr erschien ihm. Die Beschreibung von Engeln, die er auf einer Leiter oder Treppe vom Himmel hinabsteigen und wieder hinaufsteigen sieht, weckt immer noch nach mehreren tausend Jahren bildgewaltige Assoziationen beim Leser, die stärker nachwirken als die göttliche Verkündigung des Textabschnittes. Gott offenbart sich den Menschen in vielerlei Gestalt und nur einigen wenigen Auserwählten direkt. Zahlreiche biblische Geschichten erzählen von Engeln, die sich als Botschafter des Herrn mit Verkündigungen an die Menschen richten (Richter, 13, 3). Bereits der Prophet Jeremia wies sehr deutlich darauf hin, dass sich Gott jederzeit an sein Volk wenden kann und dafür der Propheten nicht unbedingt bedarf (Jeremias 23, 28). Als Teil seiner Antiklimax stellt er „Schauen“ mit symbolhaften Bildern (Jer. 24,1-3) an die Stelle der Träume der Propheten. Im Neuen Testament können wir im 2. Korintherbrief 12, 2-4, vom indirekten Bedauern des Apostels Paulus lesen. Ihm erschloss sich der „dritte Himmel“, aus dem „unsagbare Worte“ gesprochen wurden nicht. Obwohl ihm bereits selbst eine große Gottesoffenbarung teilhaftig geworden war. 

Ignatius von Loyola (1491-1556), der Gründer des Jesuitenordens, empfing ebenso wie Hildegard Visionen, die er in Schriften der Nachwelt hinterließ. Im Gegensatz zu ihr unterschieden sie sich seine „Sichten“ sowohl in der Symbolik als auch in der Erfahrung des Empfangens. So beschreibt er nicht nur das innere Schauen, sondern auch die Erleuchtung des Verstandes und der inneren Erhebung.[6]Hildegards Visionen waren eine Reise durchs Universum. Sie durfte den Himmel und die Erde schauen. Licht, Feuer, Blitze, Winde, Sturm, Äther, Getöse, Kugeln und Kreise sind die eindrücklichen immer wiederkehrenden Symbole, die sie empfangen hatte. Ihre Bilder erinnern an die Schilderungen der Offenbarung des Johannes und sind eng an die biblische Schöpfungsgeschichte gekoppelt. Die Verkündigungen enthielten keine sie persönlich betreffenden Verheißungen sondern beschrieben Wege zum „umfassenden Heil des Menschen“[7]. Sie hatten einen Verkündigungscharakter und bekamen daher eine prophetische Bedeutung.

„Für einen wissenschaftlichen Verstand sind Phänomene wie symbolische Vorstellungen höchst irritierend, weil sie sich nicht auf eine Weise formulieren lassen, die unserem Intellekt und unser logisches Denkvermögen befriedigt.“[8]Soweit der Befund von C. G. Jung. Durchaus liesse sich auch sagen, sie seien verrückte Hirngespinste. Immer wieder gibt es Versuche, Visionen aus medizinischer Sicht in Verbindung mit mentalen Erkrankungen oder Phänomenen zu beschreiben. Tatsächlich enthalten die Visionen Botschaften an und aus dem Unbewussten, die uns am Seelenerleben des Empfängers teilhaben lassen können.

Die Klage des Franziskanerpaters Richard Rohr über den Verlust und das Zurückdrängen des Spirituell-Mystischen aus den christlichen Glaubensübungen richtet er direkt an die Kirchenführer. „Man kann unseren ‚Seelenführern‘ nicht den Vorwurf ersparen, dass sie mehr daran interessiert gewesen sind, ihre Organisation zu schützen, als das Mysterium zu begreifen, das der Mensch in seinen Symbolen darstellt.“[9]

Hildegard stellt sich selbst und uns die grundsätzliche Frage, ob es möglich ist, Gott zu erkennen.

Aus dem apostolischen Schreiben zur Ernennung als Kirchenlehrerin

Hildegards Bedenken, ihre Visionen in Niederschriften festzuhalten, könnte auf drei Überlegungen zurück zu führen sein:

1) Hildegards Gottesfurcht und die Furcht vor den Menschen

Unabhängig von ihren eigenen persönlichen Erfahrungen waren Hildegard von Bingen die Warnungen der heiligen Schrift präsent, dass Wunder und Visionen aller Warnungen zum Trotz nicht im Stillen verborgen bleiben würden (Mt. 9, 30-31; Mk. 1, 44; Joh. 7,12). Wären ihre Schriften und Visionen nicht als konform mit der gängigen Glaubenslehre anerkannt worden, hätte sie sich dem Vorwurf der Häresie ausgesetzt. Für die heilige Inquisition war es geschichtlich noch rund einhundert Jahre zu früh. Erst um 1233 unter dem Papst Innocent III. wurde sie etabliert. Jedoch erfuhren von jeher die Abweichler Bestrafung durch Ächtung und Exkommunikation. Zur gleichen Zeit versetzten zwei von der rechtgläubigen Lehre abweichenden Bewegungen die Kirche in Aufruhr. Federführend in der öffentlichen Kritik, Ablehnung und Verfolgung der Waldenser und Katharer war unter anderem Bernhard von Clairvaux, an den sich Hildegard von Bingen hilfesuchend in einem Brief wandte. 

Hildegards in Latein verfasste Schriften waren der breiten Masse nicht zugänglich, was einen eingehenden allgemeinen Diskurs ermöglicht und sie möglicherweise vor einer übertriebenen Verurteilung hätte schützen können. Es waren handgeschriebene Unikate, die nur von Lateinkundigen gelesen und verstanden werden konnten. Der Klerus, obwohl sich des Lateins bedienend, hatte keine universitäre Ausbildung, und stellte damals nicht die intellektuellen Eliten. Daher war das gegeben Risiko recht hoch, dass ihre Visionen in falschen Händen die falschen Köpfe erreicht hätten. Ähnliche Schwierigkeiten hatte vor ihr bereits schon der Mystiker und Kirchenlehrer Augustinus. „Wenn ich Dir mit Glut mein Bekenntnis ablege, mein Gott, Du Licht meiner Augen in der Dunkelheit, was schiert es mich, wenn diese Worte, die auf jedem Fall wahr sind, auf verschiedene Meinung verstanden werden können?“[10]

Die Exkommunikation hätte für Hildegard das soziale Aus bedeutet. Sie wäre somit als Äbtissin und Nonne nicht mehr tragbar gewesen. Dieser Makel hätte die Adelige im Alter von über 40 Jahren zur Ehelosigkeit verdammt. Damit wäre sie auf die Mittel ihrer Familie angewiesen gewesen, deren Ruf sie zusätzlich ramponiert hätte. Als Benediktinerin war sie zu Gehorsam der Kirche gegenüber verpflichtet und in ihrer persönlichen Haltung entsprach sie dem Gebot.

2) Hildegards Zweifel, ob es tatsächlich göttliche Botschaften sind

„Es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit (vgl. 1Tim 6,14 und Tit 2,13)“[11]Den daraus abgeleiteten Anspruch Roms, die alleinige Entscheidungsgewalt über die Göttlichkeit von Wundern und Visionen zu haben, führte bereits Luther ab adsurdum.[12]Im Gegenteil ermuntert Jesus all seine Jünger und alle, die ihm folgen, Wunder zu tun in der Kraft ihres Glaubens (Mt. 17, 20). In Johannes 16. kündigt er das Wirken des Heiligen Geistes an, der nicht aus sich selbst reden wird (13). Er wird Jesus verherrlichen und verkünden, was kommen wird (14). Ratzingers Argumentation in dieser Sache ist eher traditionalistisch als tatsächlich durch die Heilige Schrift belegbar. Vielmehr entspricht seine Hermeneutik dem tradierten absolutistischen Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche dem auch Hildegard ausgesetzt war. Daher musste sie notwendigerweise auf die Anerkennung ihrer Visionen seitens Papst Eugen III. setzen.

Im Matthäusevangelium finden wir den Hinweis, dass es offenbar mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als das was wir wissen und sehen. Jesus beschreibt eindeutig das Wirken von Dämonen und unreinen Geistern (Mt. 12, 27-28, 43-45). Immer wieder berichteten Mystiker nicht nur von der Begegnung mit dem Göttlichem sondern auch mit dem Gegenspieler Satan. Diese Unsicherheit der Quelle haftet allen Visionen an. Um mögliche Täuschungsmanöver übler Kräfte auszuschließen, bemühten sich alle Empfänger göttlicher Visionen stets um eine Verifizierung. „Nur was der Herr sagt, werde ich sagen.“ antwortete der Prophet Micha dem König (1. Könige 22, 14).

Satan verschonte auch Jesus nicht mit seinen Versuchungen. Bereits die zweite Versuchung gipfelt im dreisten Zitieren des Wort Gottes verbunden mit einer scheinheiligen Argumentation und der Aufforderung um ein göttliches Zeichen (Lk. 4, 10-12). Treffend charakterisierte das Papst Benedikt XVI.: „Zum Wesen der Versuchung gehört ihre moralische Gebärde: Sie lädt uns nicht direkt zum Bösen ein, das wäre zu plump. Sie gibt vor, das Bessere zu zeigen: die Illusion endlich beiseite zu lassen und uns tatkräftig der Verbesserung der Welt zu zuwenden.“[13]

Selbst Franz von Assisi war offensichtlich mit eben dieser Fragestellung vertraut. In seinen Ermahnungen führte er dazu aus: „So kann der Knecht Gottes geprüft werden, ob er am Geist des Herrn Anteil hat: Wenn sein liebes Ich, falls der Herr durch ihn etwas Gutes wirkt, sich deshalb nicht selbst hoch erhebt, weil es immer der Gegner des Guten ist, sondern wenn er umso mehr in seinen Augen sich unbedeutend dünkt und sich für minderer als alle anderen Menschen hält.“[14]Auf ihn konnte Hildegard sich nicht beziehen, denn er erblickte erst rund zwei Jahre nach ihrem Tod das Licht dieser Welt.

Die salomonische Antwort Bernhards von Clairvaux auf Hildegards brennende Fragen zur beabsichtigten Offenlegung ihrer Visionen ist knapp: „Was sollen wir noch lehren oder ermahnen, wo schon eine innere Unterweisung besteht und eine Salbung über alles belehrt?“[15]Isoliert betrachtet könnte das als Fallrückzieher oder höflichen Versuch einer umgangenen Stellungnahme zu lesen sein. Der wahrscheinlich richtige Zusammenhang, was und wie er es gemeint hat, findet sich in Bernhards weiteren Schriften. So schrieb er zum Beispiel: „ …, dass Gott und Mensch zwei in einem Geist sind, ja, dass sie ein Geist sind.“[16]Tatsächlich findet sich in seinen Zeilen an Hildegard keine Aufforderung oder Zustimmung per se. Vielmehr ermuntert er sie, ihren eigenen Prüfungen zu trauen.

3) Hildegards Angst vor Gottes Strafe

Mit Recht ist davon auszugehen, dass die Texte der Bibel Hildegards größte Inspirationsquelle und lebensbestimmende Determinante waren. Die Gottesdrohung und die Warnung vor falschen Propheten finden sich bereits in den ersten Büchern des Alten Testaments im Deuteronomium 18, 20; „Doch ein Prophet, der sich anmaßt in meinem Namen ein Wort zu verkündigen, dessen Verkündigung ich ihm nicht aufgetragen habe, oder der im Namen anderer Götter spricht, ein solcher Prophet soll sterben.“

Als letztes Buch der Bibel schließt die Offenbarung des Johannes mit der Warnung, vor dem Kürzen von Texten oder gar vor dem Hinzufügen der Heiligen Schrift (Offb. 22, 18-19). Unter der Androhung des Erleidens der in der Offenbarung angekündigten Plagen, wird verdeutlicht, dass den Prophezeiungen der Schrift nichts mehr folgen wird. Mit dem Ende der biblischen Geschichte beginnt die Endzeit, das Warten auf die Wiederkehr Christus und den Tag des Jüngsten Gerichts. Unter dem Eindruck der Endzeiterwartung entstanden Hildegards Visionen. Jesus warnte eindringlich in seiner eschatologischen Rede vor dem Auftreten vieler falscher Propheten und vieler, die in die Irre führen werden (Matt. 24, 11). Den falschen Messias‘ und Propheten drohte er mit dem Verweigern der Teilhabe am Himmelreich. Eindringlich ist die Warnung, dass keiner vor Versuchungen böser Mächte gefreit ist im Falle vom Auftreten von Wundern, Visionen, prophetischer Rede (Matt. 7, 15, 22).

Die Ambivalenz welche die „Gesichter“ bei Hildegard ausgelöst hatten, beschrieb sie in dem Brief an Bernhard von Clairvaux mit zwei Worten: erhaben und schauererregend.[17]Das Wort schauererregend ergibt durchaus in der Übersetzung von beängstigend Sinn. Angsteinflößend waren die ihr drohenden Konsequenzen falscher Prophetie. Hildegard war in sich selbst zutiefst verunsichert aufgrund ihrer Bilder und Schauen. Nachvollziehbar wollte sie sich nicht im Lichte einer falschen Prophetin sehen. Obwohl sie selbst die Quellen ihrer Visionen hinterfragt hatte, konnte sie die drohenden Folgen für ihr Dasein auf Erden und ihr Seelenheil nicht ausschließen. Schließlich erkor Hildegard ihren Beichtvater ‚Volmar‘ zum Sekretär, der maßgeblichen Beitrag an den Aufzeichnungen ihrer Schriften Anteil hatte.

Das Licht, das ich schaue, ist nicht an den Raum gebunden. 

Hildegard an Wibert von Gembloux

Tatsächlich nahm die Heiligsprechung den Esoterikern den Wind aus den Segeln. Damit verschob sich die Deutungshoheit der visionären Schriften eindeutig zur wissenschaftlich theologischen Forschung. Verborgen hinter dicken Mauern wirken die treibenden Kräfte der Hildegard-Forschung, zu ihrem Leben und ihren Werken. Es sind die Benediktinerinnen der Abtei St. Hildegard in Eibingen. Dank ihrer Entschlossenheit und unermüdlichen Arbeit wurde zum Beispiel das Gesamtwerk Hildegards zum Teil neu übersetzt, editiert und erschien in einer zehnbändigen Gesamtausgabe im Beuroner Kunstverlag.


Quellen:

[1]https://www.orden-online.de/news/2012/05/11/hildegard-von-bingen-im-heiligenkalender/

[2]Die Kirchenväter; Benedikt XVI., Benno Verlag Leipzig 2009

[3]Vgl.: Traum und Traumdeutung; C. G. Jung, Deutscher Taschenbuchverlag München, 7. Aufl. 1996, S. 66 ff.

[4]Vgl.: Psychologisches Wörterbuch; Dorsch, Verlag Hans Huber Bern, 14. Aufl. 2004

[5]https://www.arte.tv/de/videos/082195-000-A/die-mystik-der-derwische/

[6]Vgl.: Bericht des Pilgers; Ignatz von Loyola, Marix Verlag GmbH, Wiesbaden 2006, S. 42-44

[7]https://www.abtei-st-hildegard.de/clementia-killewald-osb-abtissin-von-rupertsberg-und-eibingen-anlasslich-der-erhebung-der-heiligen-hildegard-zur-kirchenlehrerin-am-7-oktober-2012-in-rom/

[8]Traum und Traumdeutung; C. G. Jung, Deutscher Taschenbuchverlag München, 7. Aufl. 1996, S. 72

[9]Traum und Traumdeutung; C. G. Jung, Deutscher Taschenbuchverlag München, 7. Aufl. 1996, S. 77

[10]Die Bekenntnisse; Aurelius Augustinus, Johannes Verlag Einsiedeln, 6. Aufl. 2009, S. 333

[11]Nachsynodales Apostolisches Schreiben VERBUM DOMINI; Papst Benedikt XVI., Libreria Editrice Vaticana 2010

[12]Vgl.: Dr. Martin Luthers Schrift an den Adel deutscher Nation; J. G. Taubers Verlagshandlung Leipzig 1839, S. 18 ff.

[13]Jesus von Nazareth; Joseph Ratzinger Benedikt XVI., Verlag Herder, 2. Aufl. 2007, S. 57

[14]Das Erbe eines Armen; Leonhard Lehmann, Verlagsgemeinschaft Topos, Kevelaer 2003

[15]Das große Buch der Mystiker; Brief Bernhards von Clairvaux an Hildegard, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2005, S. 66

[16]Das große Buch der Mystiker; Bernhard von Clairvaux, Wie der Mensch mit Gott eins werden kann, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2005, S. 47

[17]Das große Buch der Mystiker; Brief Hildegards an Bernhard Clairvaux, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2005, S. 64