Gibt es Arzneipflanzen gegen Coronaviren?

Titelbild für den Beitrag zu Heilpflanzen und Covid-19 von Prof. Keusgen.

Einen realistischen Ausblick über die Anwendbarkeit von Heilpflanzen und -kräutern bei der Behandlung von Covid-19-Erkrankungen gab der Marburger Pharmazie-Professor Dr. Michael Keusgen im Rahmen des 31. Bernburger Winterseminars des Vereins für Arznei- und Gewürzpflanzen SALUPLANTA e.V.. Wir freuen uns, Prof. Keusgens Beitrag bei uns nachfolgend veröffentlichen zu dürfen:

In den vergangenen Jahrzehnten hat es nicht an Bemühungen gefehlt, Arzneipflanzen in Bezug auf ihre antivirale Wirkung zu untersuchen. Insbesondere nach dem Ausbruch von SARS im Jahr 2004 gab es verstärkte Anstrengungen, auch Pflanzen und deren Inhaltsstoffe aufzuspüren, die gezielt gegen Coronaviren wirken. Hierzu gibt es derzeit erstaunlich viele Untersuchungen, die zumeist dem Bereich der “Traditionellen Chinesischen Medizin” (TCM) zuzuordnen sind, aber durchaus noch andere Ansatzpunkte. Wirksame Arzneipflanzen sind beispielsweise den Gattungen Lycoris, Artemisia, Isatis, Rheum, Polygonum, Gentiana und Dioscorea zuzuordnen. Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass zum einen häufig nur in-vitro-Testsysteme (d.h. im Reagenzglas) verwendet werden, andererseits häufig nicht der Gesamtextrakt, sondern nur bestimmte Fraktionen oder auch Reinsubstanzen getestet wurden. Vielversprechend ist aber auch der Ansatz, durch bestimmte Arzneipflanzen das Immunsystem zu stärken, so dass Corona-Infektionen in abgemilderter Form auftreten.

Eine typische Klasse der pflanzlichen Sekundärmetabolite sind Polyphenole; hier stellen die Flavonoide die größte Gruppe dar. Kondensierte Polyphenole mit gerbenden Eigenschaften sind die Tannine, welche sehr unterschiedliche Strukturen haben und in Form von Tinkturen zur antiinfektiven Mundspülung traditionell seit vielen Jahrzehnten zum Einsatz kommen. Tannine interagieren aber alle stark mit Proteinen und verändern dadurch teilweise erheblich deren Struktur und Funktionalität [1]. Sie können deshalb unspezifisch antimikrobiell wirken und z. B. die Funktion der viralen Hüllproteine und damit deren Andockvorgang behindern. Diese Wirkung wurde in vitro bei Influenza-Viren gezeigt, z. B. für Grüntee(extrakte), Sauerampfer- (Rumex acetosa)- und Zistrosenkrautextrakte (Cistus x incanus). Die Tannine aus Zistrosen- kraut wirkten auch im Tierexperiment gegen Influenzaviren. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls Salbei (Salvia officinalis) von Bedeutung, welcher neben Rosmarinsäure, einem typischen Lamiaceen-Gerbstoff, auch ein interessantes ätherisches Öl mit antiinfektiven Eigenschaften enthält.

Interessant sind auch Sonnenhut-(Echinacea)- und Pelargonium-Zubereitungen, die in zweifacher Weise wirksam sein können. Für beide Pflanzengenera konnten antivirale Effekte belegt werden, die vielversprechend sind. Zusätzlich haben Echinacea-Extrakte eine immunmodulierende Wirkung, die auch bei der Prävention einer Covid-19-Erkrankung hilfreich sein könnte. Pelargonium-Wurzelextrakte haben zudem einen hohen Gerbstoffgehalt, der das Andocken von Viren an die Schleimhautzellen verhindern kann.

Interessant sind auch ätherische Öle; viele Ätherisch-Öl-Substanzen zeigen antibakterielle, fungizide und auch antivirale Effekte. Zusätzlich konnte für 1,8-Cineol des Eukalyptusöls eine immunmodulierende Wirkung im Mausversuch belegt werden. Ausgeprägte antiinfektive Wirkungen haben auch die Lauch-(Allium)- und Senföle aus der Kapuzinerkresse (Tropaeolum) sowie Brassicaceen. Durch Kombinationen aus Gerbstoffen und ätherischen Ölen im weitesten Sinn lassen sich somit sehr interessante Arzneimittel erzeugen.

Die obige Liste ist keineswegs abschließend. Das Auftreten des SARS-CoV-1-Virus in 2002 / 2003 hat im asiatischen Raum zu einem erheblichen Schub an Forschungsaktivitäten geführt, wobei vieles, wie bereits oben erwähnt, der TCM zuzuordnen ist [2]. Bei den meisten Untersuchungen handelt es sich auch hier um in-vitro-Studien, deren Aussagekraft beschränkt ist. Auch wurden zahlreiche Studien mit Reinsubstanzen pflanzlichen Ursprungs, beispielsweise Alkaloiden der oben aufgeführten Pflanzen, durchgeführt. Sollte aus diesen Reinstoffen ein Arzneimittel entwickelt werden, so ist eine Zulassung sehr schwierig. Diese müsste nach den Regeln eines chemisch-definierten Arzneistoffes erfolgen.


Blüte einer Zistrose von Hans Braxmeier

Zistrose

Cistus

Pure Schönheit oder Hoffnungsträgerin? Was im Labor funktioniert, muss sich erst in der Praxis bewähren.


Gibt es nun eine Arzneipflanze gegen Corona? Eine gute Antwort kann eine Humanstudie mit einem Zistrosen-Extrakt und einer ätherisch-Öl-Zubereitung liefern [3]. Es konnte gezeigt werden, dass diese Kombination durchaus in der Lage ist, vor Corona-Infektionen zu schützen. Und hier liegt wahrscheinlich auch der größte Wert von Arzneipflanzenextrakten: Diese können durchaus dazu beitragen, das Infektionsrisiko zu senken, wobei es nicht nur eine „Wunderdroge“ gibt, sondern eine erstaunlich große Auswahl an unterschiedlichen Pflanzen und deren Kombinationen.

Glücklicherweise lässt sich Vieles in Deutschland und seinen Nachbarländern anbauen. Leider stammt die Zistrose üblicherweise aus Wildsammlungen. Da entsprechend eigenen Beobachtungen diese wertvolle Pflanze im angestammten mediterranen Raum nicht sehr häufig vorkommt, erscheint eine Inkulturnahme durchaus sinnvoll. Beispielsweise werden seit 2020 Anstrengungen unternommen, die Zistrose im Libanon in kleineren Parzellen anzubauen; weitere Anbauversuche sind höchst willkommen!


Literatur

1. Kraft, Spiegler, Hensel, Gesellschaft für Phytotherapie, 2020.

2. Islam et al., Phytotherapy research 1-22 (2020)

3. Adler M., ZPT – Zeitschrift für Phytotherapie 2020; 41: 111–112


Prof. Dr. Michael Keusgen ist Dekan des Fachbereichs Pharmazie an der Philipps-Universität Marburg, und forscht am Institut für Pharmazeutische Chemie an der Entwicklung von biosensorischen Messsystemen, Immobilisierung von Biomolekülen, Biomolekulare Interaktionsanalyse (BIA), Lab-on-a-Chip Systemen und Heilpflanzen in Zentralasien.


Saluplanta e.V. ist Veranstalter des Bernburger Winterseminars für Arznei- und Gewürzpflanzen. Es ist die größte deutschsprachige und jährlich stattfindende wissenschaftliche Tagung des Fachgebietes. Der Verein ist ein Forum zur Förderung der Entwicklung und zur Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse und vertritt die allgemeinen ideellen und wirtschaftlichen Belange aller Arznei- und Gewürzpflanzenproduzenten gegenüber Behörden und Institutionen. https://www.saluplanta.de


Quelle:

Tagungsbroschüre des 31. Bernburger Winterseminar Arznei- und Gewürzpflanzen; Veranstalter: Verein für Arznei-und Gewürzpflanzen SALUPLANTA e.V., Bernburg; Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Sachsen-Anhalt (LLG) Bernburg; Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR), Gülzow-Prüze; 23.02.2021