Die seltsame Mär vom Bingelkraut

Es war meine erste Berührung mit einem Heilkraut und der erste nicht ganz freiwillige Selbstversuch. Im Alter von drei Jahren war es auf einem der Spaziergänge am Fusse des Kyffhäusergebirges, als wir noch eine Familie waren. Von der harntreibenden Wirkung des Bingelkrautes wollten sich meine beiden älteren Brüder überzeugen. Also ass ich das Kraut und stellte die diuretische Wirkung unter Beweis. Der Überlieferung nach waren meine Eltern weniger begeistert als meine Geschwister. Es sind Geschichten wie diese, welche uns das ganze Leben lang begleiten. Sie erzählen vom Verhältnis der Familienmitglieder zueinander und dem, was uns verbindet. 

Nun bist Du nicht mehr, mein lieber Bruder. Kein Arzt und kein Kraut konnten Dir helfen! Ohnmächtig mussten wir zusehen, wie Du den Kampf und Dein Leben verlorst. An Deinem Bett haben wir uns all die Geschichten noch einmal erzählt. Wir haben gemeinsam gelacht und geweint.

Vielleicht warst Du es, der mit seinem Schabernack in mir die Liebe zu den Pflanzen und Kräutern geweckt hast? Du warst stets mein schärfster Kritiker und hast mich immer wieder angetrieben, aufgemuntert und mit neuen Impulsen befeuert. 

In Memoriam Manfred.