Wilde Vogelkirschen am Wegesrand mitten in der französischen Normandie.
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Kirschen – stielechtes Diuretikum

Vogelkirsche (Prunus avium L.) , Sauerkirsche (Prunus cerasus L.)

Die Kirschen haben es geschafft. Auch sie geniessen nun als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Förderung der Harnausscheidung ihre Anerkennung. Bei leichten Harnwegsbeschwerden, wenn mit einer erhöhten Urinmenge ein Spülen der Harnwege erreicht werden soll, können die Stiele von Kirschen (Prunus avium L.; Prunus cerasus L., peduncle) hilfreich sein. Dabei bleibt es Ihnen überlassen, ob sie die Stiele der Vogelkirschen oder der Sauerkirschen verwenden. Beide soll die selbe Wirkung haben. Die bisher wenig beachteten Fruchtstiele (2-8 g) werden mit kochendem Wasser übergossen und dann wie ein Kräutertee über den Tag verteilt (2 bis 4 mal) getrunken.

Die Kirschen naschen und Gott mit Stielen bewirten.

Parömiakon, 1957

Andere Länder, andere Wirkungen

Es ist keine neues oder unbekanntes Phänomen, dass pflanzliche Heilmittel in der Volksmedizin  je nach Kulturkreis unterschiedlichen Indikationen zugeordnet werden. Manchmal variieren die Anwendungen nur von Landschaft zu Landstrich. So überrascht es nicht, dass hierzulande die diuretische Wirkung von Kirschenstielen bisher eine eher untergeordnete Rolle spielte, bzw. vollkommen unbekannt war.

In Frankreich, Spanien und Portugal ist die Verwendung getrockneter Kirschstiele beider Arten als Aufguss oder Abkochung zur harntreibenden Wirkung und bei Harnwegsbeschwerden weithin bekannt. Besonders in diesen Ländern sind verschiedene Produkte erhältlich, die getrocknete Kirschstiele in ganzer, zerkleinerter oder pulverisierter Form enthalten. Sie werden in der Regel als Nahrungsergänzungsmittel angeboten und werden als Tee oder in fester Darreichungsform als Diuretikum verwendet. Wobei sich die Monografie explizit nicht auf diese Produkte bezieht.

Dichtes Laubwerk schützt die Vogelkirschen vor der gierigen Kundschaft an den Wegesrändern der Normandie Ende Mai.

Die Monografie der EMA/HMPC für die Kirsch-Stiele können Sie hier aufrufen: Monografie Kirsch-Stiele (Prunus avium L.; Prunus cerasus L., peduncle)

Trocken und sauber sollen sie sein

Die Veröffentlichung der Monografie Prunus avium L.; Prunus cerasus L., peduncle seitens der EMA/HMPC stiess nicht überall auf Begeisterung. Besonders die Verbraucherschutzverbände warnten vor einer unsachgemässen Verwendung von Kirschstielen. Wobei selbstverständlich nach wie vor die Regel gilt: nur sauberes und unverdorbenes Pflanzenmaterial eignet sich zum Gebrauch! Prinzipiell sind es nicht nur die Stiele frischer Kirschen, auch im getrockneten Zustand leisten sie gute Dienste. Nur sauber und schimmelfrei sollten sie sein.

Inhaltsstoffe:

Polyphenole (Gerbstoffe), Äpfelsäure, Zitronensäure, Oxalsäure und Shikimisäure, Flavonoide, Natrium- und Phosphorverbindungen

Wirkung:

entwässernd (diuretisch), antimikrobiell

Gegenanzeigen:

Bei Kindern und Jugendlichen im Alter unter 18 Jahren sollte auf die Anwendung verzichtet werden.

Die Anwendung ist nicht geeignet für Patienten mit einer verordneten Beschränkung der Flüssigkeitszufuhr.

Halten die Beschwerden länger als zwei Wochen an, oder verschlimmern sich sogar, ist ärztlicher Rat erforderlich.

Im Falle auftretenden Fiebers, Harnverhalts, Krämpfen oder blutigem Urin suchen Sie bitte unbedingt eine Ärztin oder Arzt auf.

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