Bad Wörishofen
Kneipp’scher Wallfahrtsort zwischen Tiefenentspannung und Heiltradition
Bad Wörishofen, das ist der Sehnsuchtsort aller Mitglieder der Kneippvereine und Menschen, die Hilfe in alternativen Heilmethoden suchen. An diesem Platz, an dem der Kräuterpfarrer Sebastian Kneipp die meiste und schöpferischste Zeit seines Lebens verbrachte, erinnert vieles an ihn. Kliniken, Hotels, Brunnen, eine Strasse tragen seinen Namen. Mitten im Allgäu mit seinen langgestreckten Hügeln entwickelte sich vor fast einhundertvierzig Jahren ein kleiner Ort zu einem bedeutendem Heilbad und Kurort. Bad Wörishofen verdankt seinen wirtschaftlichen Aufstieg als Kurort allein dem Heilwirken Kneipps. Spürbar ist die Verehrung für den Kräuterpfarrer Kneipp bis heute. Auf seinen Spuren lässt sich überall im Ort wandeln. Wenig genutzt werden die Wassertretbecken aufgrund der niedrigen Wassertemperaturen. Am Barfußweg verhindern kleine Steinchen das Begehen der Strecke ohne Schuhwerk. Im Duftgarten sind in den Abendstunden zu viele Insekten unterwegs, was im Übrigen auch für den Heilkräutergarten zutrifft. Dementsprechend ruhig und entspannt ist die Atmosphäre im gesamten Ort. Sein Kurpark ist ein kühler frischer Ort mit sonnigen Flecken und farbenfrohen Gärten.


Unbequemes zum Heil
Viele Heilverfahren sind schlichtweg schlecht akzeptiert, weil sie einfach anzuwenden und preiswert sind. Sobald ihnen ein Hauch Exotik oder Exklusivität anhängt, weckt das Begehrlichkeiten und damit sind sie entsprechend dem Zeitgeist im Trend. So oder ähnlich verhält es sich auch mit Heil- und Kuranwendungen nach Kneipp. Trotz eines heissen Sommers sind es nur Einheimische und Exoten, die sich, Arme und Beine im kalten Wasser der Kneippschen Wassertretbecken erfrischen. Es ist ein merkwürdiges Bild, wenn seine Kneippsche Fans erfüllt mit Ehrfurcht vor den Wassertretbecken stehen, und die Menschen bewundern, die ihre Gliedmassen ins kalte Wasser tunken. Die körperliche Entfremdung von den Elementen beklagte übrigens Kneipp schon vor mehr als einhundertsiebzig Jahren. Das war übrigens eines der Kernthemen seins Buches „So sollt ihr leben!“


Buntes im Halbschatten
Wer den Weg durch den gesamten Kurpark geschafft hat, steht vor einer grossen Wiese mit Blick in Richtung Westen. Von Zäunen begrenzt sind es rund 250 verschiedene Heilpflanzen, die in verschiedenen Heilpflanzengärten gedeihen. Die kleinen Heilkräutergärten sind verschiedenen Personen und Zeitepochen gewidmet. Leonhard Fuchs, so lernen wir, war ein Arzt und Botaniker des 16. Jahrhunderts, dem wir das ‚New Kreüterbuch‘ verdanken. Schön, dass auch anderen Persönlichkeiten aus der Pflanzenheilkunde gedacht wird, wie auch der allbekannten Heiligen Hildegard. Der Besuch dieser Gärtchen ist eine illustrer Rundgang durch bekanntes, giftiges und unvermutetes aus der heilenden Botanik. Ob die Raritäten durch das Schild mit der Aufschrift „Nur schauen, nicht klauen!“ ausreichend geschützt sind, wissen wir leider nicht. Neugierige und Interessierte ziehen die Gärten reichlich an. Wer schon alles kennt und gesehen hat, kann ganz genüsslich auf den Bänken ausruhen und den Duft des nahen Lavendels geniessen.
Männergesundheit im Hochbeet
Wahrscheinlich haben es Männer häufiger im Kreuz und können sich schlechter bücken. Oder liegt die altersbedingte Fehlsichtigkeit bei Männern eher bei der Fernsicht? Allein die Pflanzen für die Männergesundheit – und nur sie – wachsen in Schritthöhe in Hochbeeten. Es sind nur Einzelexemplare, so dass sich die heimliche Mit- oder Entnahme nicht lohnt.
Erinnerung an wunderbaren Heiler und Wohltäter
Bad Wörishofen verdankt dem heilsamen Wirken Sebastians Kneipp seinen Aufstieg als einen der bedeutendsten Kurorte in Deutschland. Seine Heillehre ist einfach, erschwinglich und für alle zu jeder Zeit nutzbar. Im Mittelpunkt steht eine gesunde Lebensweise, was neben der Ernährung, die Bewegung und Abhärtung gegenüber Umwelteinflüssen elementar für seine Heilweise ist. Bekannt vor allem sind seine Wassertherapien – das Baden und Eintauchen von Körperteilen in kaltem Wasser. Daneben hatte er ein gutes Heilkräuterwissen. Sein Büchlein „Kneipps Hausapotheke“ ist die Zusammenfassung. Die Dankbarkeit gegenüber Kneipp ist überall spürbar. Sie äussert sich nicht nur in der Benennung einer Strasse, zahlreicher Hotels und Kliniken und der Kräutergärten im Park nach ihm. Vereine und Gönner stifteten diverse Denkmäler. Den Denkstein im Kurpark von Bad Wörishofen widmeten ihm 1897 dankbare Kurgäste.

Der Weg zu den Bad Wörishofener Kräutergärten führt entlang einer Hecke, welche den Duft- und Aromagarten versteckt. Ein Besuch ist zu jeder Tageszeit lohnenswert. Viele Heilpflanzen besitzen ein ganz spezielles Aroma, und eine ganze Reihe aromatischer Gewürzpflanzen sind zugleich Heilpflanzen. Die Duft- und Aromapflanzenvon den Heilpflanzen und -kräutern zu trennen fällt schwer. Die Aromatherapie als Teil alternative Heilmethoden ist mittlerweile fest etabliert. Wer fühlt sich nicht gleich besser, wenn er einen guten Geruch wahrnimmt? Sie sind reichlich versammelt in dem von hohen Bäumen umstandenen Teil des Kurparks. Es blüht in vielen Farben und nicht nur Lavendel und Rosen spenden Duft. Kenner sollten nach der Wasserminze Ausschau halten!
Kneippen zum Ansehen
Wenn Menschen in Barfußschuhen interessiert im Kurpark ihre Runden drehen, drängt sich die Frage auf: was hindert sie daran, wirklich barfuss zu gehen? Es gibt in Bad Wörishofen einen Barfußpfad. Doch der scheint lediglich ein Anschauungsobjekt zu sein. So ein Kurpark ist eine artifizielle Welt, die eine Verbindung zur Natur gibt. Er ist Ausdruck einer zivilisierten Natur. Engländer und Franzosen zeigten uns schon vor Jahrhunderten, wie es ist, ein Abbild der freien Natur in Gärten und Parks zu schaffen. Nur warum müssen wir uns in ihnen bewegen, als würden wir nicht mehr den Kontakt mit den wahren Elementen aushalten? Wir geniessen Kräuter aus zertifiziertem Anbau statt selbst gesammelt auf Wiesen und im Wald. Kaltes Wasser ertragen wir nur noch in Anwesenheit eines examinierten Therapeuten. Den blossen Fuss können wir nicht mehr auf den Boden setzen ohne entsprechendes Schuhwerk. Wir brauchen Labels, um uns in der Welt zurecht zu finden. Der Prophet gilt im eigenen Lande nicht mehr. So ergeht es wohl auch den Lehren des Kräuterpfarres Kneipp. Wir fühlen uns krank, ohne an Heilung zu denken.


Der gute alte Kneipp wird für alles Mögliche vereinnahmt. Wahrscheinlich würde er nachsichtig lächeln, wenn er sähe wie mit seinem Heilwissen umgegangen wird. Viel verändert hat sich wahrscheinlich nicht seit seinen Tagen. Der Hang zum Konsum scheint doch allzu menschlich zu sein. Damit es uns gut gehen soll, da fahren wir irgendwo hin. Vor mehr als einhundertfünfzig Jahren war dann Bad Wörishofen mit seinem Kräuterpfarrer ein neues lohnenswertes Ziel. Im Prinzip hatte Wörrishofen schon immer alles, was es später zum Bade- und Kurort werden liess. Die schattigen Wanderwege durch die umliegenden Wälder dürfte es bereits damals auch gegeben haben. Die gute Landluft war bei Städtern immer schon immer recht beliebt. Die kalten Bäche plätschern seit Urzeiten. Und der ruhige Menschenschlag im Unterallgäu hat sich von Fremden noch nie wirklich stören lassen.
Für Pflanzenfreunde und Kräuterfans halten die Gärten keine wirklichen Überraschungen bereit. Sie sind gut sortiert und die gängigen Heil-Kräuter und Pflanzen finden sich in den Beeten. Die Ausschilderung ist gut, damit nicht bei jedem Sonderling das Handy für eine App-Frage gezückt werden muss. Schade, dass das Kneipp-Museum nur nachmittags öffnet. Das eignet sich nur für Tagesbesucher auf Kneipps Spuren, zeitige Rückkehrer oder Halbtagstouren oder jene, die sowieso den Besuch eines schattigen Biergartens allen anderem vorziehen.


Informationen und Anfahrt:
Bad Wörrishofen ist ein Kurort im Allgäu. Alle Attraktionen im Ort sind fussläufig zu erreichen. Die Wege dahin sind ausgeschildert.
