Blick in den Karlsgarten Aachen mit dem Gut Melaten im Hintergrund

Kaiser Karl’s Gartentipps

Was wirklich in der ‚Capitulare de villis vel curtis imperii’ Karls des Grossen steht

Einst waren die Karls-Gärten ganz gross in Mode. Sie sind eine Erfindung der Neuzeit. In den Jahren nach dem Millenium kam es zu einem regelrechten Boom. In Karlsgärten werden all die Pflanzen angebaut, die im ‚Capitulare de villis vel curtis imperii’ – der Landgüterverordnung Karls des Grossen, König des Fränkischen Reiches und römischer Kaiser, erwähnt wurden. Die sogenannten Karlsgärten verstanden sich weniger als Reminiszenzen an das historische Mittelalter, mehr noch als romantisches Bilderbuch einer kaiserlichen Verordnung.

Die Einordnung der im ‚Capitulare de villis’ aufgeführten Pflanzen ist vergleichbar mit den Bestsellerlisten diverser Medien unserer Tage. Frei nach dem Motto: was der Kaiser verordnete, konnte nicht schlecht sein! So bahnt sich die Faszination über das Mittelalter ihren Weg und findet in den Gärten ihren Ausdruck. Im 70. Kapitel der ‚Capitulare de villis’ sind 73 Pflanzennamen erwähnt, die jeder im Garten haben sollte. Bei einer Vielzahl handelt es sich aus heutiger Sicht um Heilkräuter.

Pferde-Eppich, eine recht unbekannte Pflanze, die auch als Gemüse verwendet werden kann.
Zaungucker und Besucherinnen in einer Person mit unterschiedlichen Identitäten und Frisuren.

Im 8. Jahrhundert aufgeschrieben, sollten die Verordnung und die darin aufgeführten Pflanzen das Franken- und das Kaiserreich verändern. Vor allem, sollte das ‚Capitulare de villis’ die Macht Karls des Grossen in seinem Reich stärken und sichern. Allerdings offenbart sich bei genauem Hinsehen, dass die Bepflanzungen der meisten Karlsgärten sich gar nicht so streng an den Aufzählung der kaiserlichen Verordnung orientieren. Sie weichen mitunter deutlich von Karls des Grossen Liste ab. Das Weglassen und Hinzufügen sind Folgen und späte Zeugnisse vermeintlicher Freiheiten seiner Untertanen.

Ähnlich oder gleich erging es im eigentlichen Sinne auch den restlichen 69 Kapiteln der Verordnung. Abgesehen davon, dass viele Begriffe bis heute unklar und strittig sind, gerieten der eigentliche Fokus und Kern des ‚Capitulare de villis’ in Vergessenheit. Stattdessen wurde der undeutlichste Teil mit vielen fehlinterpretierten Bezeichnungen in den Mittelpunkt gestellt: die fantastische Pflanzenliste Karl des Grossen. Bis heute sind sich die Experten nicht in allen Fällen sicher, welche Pflanzen mit der damaligen Bezeichnung tatsächlich gemeint waren. Das bewusste Hinlenken auf die floralen Elemente der Landgüterverordnung, hatte die gewollte intellektuelle Vernachlässigung aller anderen Punkte zur Folge.

Karl der Grosse als Holzfigur im Karlsgarten zu Aachen.

Wie so oft. Nur Lesern der Schrift offenbart sich, was der oder die Verfasser mit dem ‚Capitulare de villis’ im Sinn hatten, und welche Auswirkungen sie bis heute haben. Daher stellt sich auch die Frage nach einer vollständigen Übersetzung ins Deutsche aus dem Lateinischen. Die Landgüterverordnung Karls des Grossen war im besten Sinne des Wortes revolutionär! Allerdings, der Absender war der Kaiser. Sie hat bis heute eine ungeheure Sprengkraft auch im Hinblick auf aktuelle politische Debatten. Die Landgüterverordnung zeugt von einem ungeheuren Reformwillen und -mut, der auf allen politischen Ebenen ansetzt. Zu allem Erstaunen setzte Karl der Grosse dabei auf soziale Gerechtigkeit und Frieden als Wachstumsfaktoren für sein Reich. Zudem drängte er auf die gezielte  und vermehrte Ausbildung von Handwerkern und Berufen. Neben einer konsequenten Einnahmepolitik, forderte er zugleich eine Absicherung für Notzeiten mit dem gezielten Vorhalten von Saatgut. Mit dem ‚Capitulare de villis vel curtis imperii’ zeichnete er die Formen eines modernen Staatswesens, das die planvolle Entwicklung seines Landes im Auge hatte.

Gar nicht schläfrig ist der Schlafmohn. Nur blühen mag er noch nicht.
Weberkarde meets Annanas im Karlsgarten zu Aachen.

Am erstaunlichsten sind wohl die Teile der ‚Capitulare de villis’, welche sich mit der Steuern und Abgaben beschäftigen. Hier wurden ganz klar Bilanzierungsvorschriften erlassen, die wir auch heute kennen und noch immer Gültigkeit besitzen. Buchungsregeln und Bewertungsstichtage, Fälligkeiten, Abschreibungen, das alles sind Instrumente einer modernen Finanzverwaltung, die der Kaiser damals einforderte.

Wer oder was die Autoren der ‚Capitulare de villis’ waren, darüber wird reichlich spekuliert. Das ist mühsam und zermürbend. Wenn in unseren Tagen der Beitrag externer Berater für Gesetzesentwürfe diskutiert wird, gerät allzuoft der Kern der Sache aus dem Fokus. Dann wird häufig über Absichten und Interessen statt über Argumente gestritten. Fakt ist, auch Karl der Große bediente sich ihrer – der externen Berater. Ein Reich regieren und weiterentwickeln geht ohne einen Wissensvorsprung nicht. Das wusste er. Er bediente sich der klugen Männer und vielleicht auch Frauen. Entscheidend bei Gesetzen und Vorschriften ist, wer sie erlassen hat. Im Falle der ‚Capitulare de villis vel curtis imperii’ war es Karl der Grosse, König des Fränkischen Reiches und römischer Kaiser.

Salbei ist der Klassiker eines jeden Kräutergartens und fehlt auch nicht im Karlsgarten zu Aachen.
Fröhlich leuchtet der Frauenmantel. Endlich kann er seine Blüten zeigen und nicht nur seine nassen Blätter.

Quelle:

Karl Gareis: Die Landgüterordnung Kaiser Karls des Großen. Guttentag, Berlin 1895.

Ähnliche Beiträge

  • |

    Oregano – La Mama kann nicht ohne

    Gewöhnlicher Echt-Dost (Origanum vulgare) Unvorstellbar, wie es in der italienischen Küche ohne Oregano zugehen würde. Tomatensaucen ohne Oregano funktionieren einfach nicht. Frisch oder getrocknet sind die Blättchen der kleinen grünen Oreganosträucher das Universalgewürz aller wirklichen Mamas. Fehlt Oregano im Regal, ist bella Italia dem Untergang geweiht. Die Pflänzchen lassen sich im Garten in einer sonnigen…

  • Neues vom Pestwurz

    Pestwurz aus kultiviertem Anbau ist dem wildwachsenden gleichwertig! Bei der Erforschung von Inhaltsstoffen des Pestwurzes (Petasites hybridus) fiel Schweizer Forschern auf, dass wild gesammelter Pestwurz dem aus kultiviertem Anbau ebenbürtig ist. Sie konnten keine signifikanten Unterschiede in der Wirksamkeit zwischen kultivierten und wild gesammelten Rhizomen feststellen. Der Vorteil des kontrollierten Anbaus liegt auf der Hand….

  • Licht ins Dunkle bringt das Johanniskraut

    Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist eines der ältesten und bekanntesten pflanzlichen Stimmungsaufheller. Obwohl es sich beim Johanniskraut, um ein uraltes, erprobtes und anerkanntes mildes Antidepressivum handelt, sind die Mechanismen und die Wirkzusammenhänge nach wie vor ungeklärt. Eine Forschergruppe aus Shanghai hat den Wirkstoff Hypersoid genauer unter die Lupe genommen und Erstaunliches dabei herausgefunden. Bekanntermassen zählen Hypersoid, Hyperforin, Isoquercetin…

  • Artemisia und ihre Schwestern

    Vom Wermut und anderen aromatischen Kräutern Eines der bekanntesten Anbaugebiete für Wermutkraut (Absinthii herba) liegt im französisch-schweizerischen Grenzgebiet des Val de Traverse. Für die Absinthkräuter herrschen im Haut-Doubs ideale Bedingungen. Die Pflanzen lieben flachgründige Böden, kontinentales Klima und Höhenlagen. Der Wermut (Artemisia absinthium L.) wird seit alters her rings um Neuchâtel angebaut. Die Bewohner behaupten…

  • |

    Hirschzunge – das kühlende Farn

    Hirschzungenfarn (Asplenium scolopendrium) Die Blätter des Farns ähneln der Form und Grösse der Zunge eines tatsächlichen Hirsches. In Zeiten abgepackten und vorportionierten Fleisches ist die Vorstellungskraft leider abhanden gekommen. Nicht mehr präsent ist zudem die Verwendung des Hirschzungenfarns zu Heilzwecken. Obwohl das Farn in vielen Gärten und Parks als Rabattenschmuck verwendet wird, steht er in…

  • Besenginster – goldener Sommerbote

    Besenginster (Cytisus scoparius) Seine robusten Zweige werden heute noch immer dafür genutzt, was ihm einst den gebräuchlichen Namen verlieh. Seine getrockneten Zweige zu einem Bündel zusammengebunden und auf einen Holzstab gesteckt, ergibt den ökologisch nachhaltigsten Besen, der vorstellbar ist. So praktiziert es seit Jahrzehnten die Frankfurter Stadtreinigung, um die Wege der Bankenstadt reinzuhalten. So praktisch…