Am Fusse des Luberon gedeihen die Absinth-Pflanzen prächtig.

Artemisia und ihre Schwestern

Vom Wermut und anderen aromatischen Kräutern

Eines der bekanntesten Anbaugebiete für Wermutkraut (Absinthii herba) liegt im französisch-schweizerischen Grenzgebiet des Val de Traverse. Für die Absinthkräuter herrschen im Haut-Doubs ideale Bedingungen. Die Pflanzen lieben flachgründige Böden, kontinentales Klima und Höhenlagen. Der Wermut (Artemisia absinthium L.) wird seit alters her rings um Neuchâtel angebaut. Die Bewohner behaupten scherzhafterweise, dass es sich um eine heimische Pflanze handeln würde.[1] Etabliert hat sich der Anbau von Artemisia absinthium nicht allein aufgrund der klimatischen Bedingungen und geeigneter Böden. Als federführende Aromakomponente einer weltbekannten Spirituose wächst sie sozusagen in Reichweite der örtlichen Absinth-Brennereien.

„Artemis ist eine Göttin der griechischen Mythologie, die zu den zwölf olympischen Göttern gezählt wird.“

Brockhaus

In seinen Bemühungen zur Bewahrung der Volksgesundheit warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) seit dem Jahre 2003 vor dem übermässigen Genuss von Absinth.[2] Bekannt ist das alkoholische Getränk auch unter den Namen „Grüne Fee“ oder im Französischen „la fée verte“. Tatsächlich handelt es sich bei Absinth um eine alkoholische Spirituose, welche mit Wermutkraut (Artemisia absinthium L.), grünen Anis (Pimpinella anisum), Melisse (Melissa officinalis), Fenchel (Foeniculum vulgare), Minze (Mentha spp), Römischen Wermut (Artemisia pontica) und Ysop (Hyssopus officinalis) angesetzt wurde. Allerdings bezieht sich die Warnung des BfR eher auf den Alkoholgehalt des Getränks als auf den viel gescholtenen Inhaltstoff Thujon. Das ätherische Öl der Wermutblätter enthält neben vielen anderen Inhaltsstoffen das neurotoxisch wirkende Thujon, das bei Überdosierung Kopfschmerzen, Schwindel, Krämpfe und Epilepsie auslösen kann.[3] Deshalb sind die Thujon-Konzentrationen in Spirituosen gesetzlich geregelt und Träumereien von „Grünen Feen“ haben andere Ursachen. Übrigens, als Bestandteil ätherischen Öle ist Thujon unter anderem auch in Thymian, Rainfarn, Rosmarin, Beifuß und im Echten Salbei enthalten.

Aromastoffe mit Wirkung

In der Verwendung als Tee regt Wermutkraut (Artemisia absinthium L.) reflektorisch die Sekretion von Magen- und Gallensaft an. Die Bitterstoffe wirken appetitanregend und helfen bei dyspeptischen Beschwerden. Wer dauerhaft Wermut zu sich nimmt, wird irgendwann eine Abneigung dagegen entwickeln. Daher sind laut Hänsel und Sticher akute oder chronische Vergiftungen infolge Thujon-Genusses unwahrscheinlich.[4] Das gilt im Übrigen auch für den als Digestif aus der Mode geratenen Wermuthwein.

Für die kosmetische Industrie ist das Kraut der Artemisia absinthium L. ebenso ein begehrter Rohstoff aufgrund seiner hautpflegenden Eigenschaften, als Duftstoff und seines antibakteriellen Wirkungsspektrums.[5] Daher verwundert es nicht, wenn selbst in der Provence die Heilpflanze Wermut im grossen Stil professionell angebaut wird. 

In den tiefsten Tälern der Alpen

Die Bewohner des italienischen Aostatals und der französischen Alpen bevorzugen die Schwarze Edelraute (Artemisia Genipi). Die Genipi ist eine Cousine des Wermutkrautes. Auch sie ist eine beliebte Zutat für alkoholische Getränke beispielsweise für den aromatischen Genipi-Likör. Natürlich wirkt auch sie mit ihren Bitterstoffen wohltuend auf die Verdauung und kann auch als Kräutertee zubereitet werden. Auf Wanderungen in den Tälern der westlichen Alpen findet man häufig das dem Beifuss ähnelnde Kraut der Genipi mit ihren hellgelben Blütenständen. Schon bei Berührungen entfaltet sich das intensiv blumige Aroma. Aufs Sammeln der Artemisia genipi sollte jedoch verzichtet werden, weil ihre Bestände zurückgehen. Mittlerweile gilt sie als gefährdete Pflanze. Die meisten käuflichen Genipi-Kräuter wurden landwirtschaftlich angebaut.

Die Chemie der Hoffnung

Kalksteinhaltige Böden bevorzugt die im Mittelmeerraum beheimatete Weisse Wermut (Artemisia herba-alba). Oft wird er auch als Wüstenwermut bezeichnet. Einen herben bitteren Geschmack zeichnen die Triebe und Blätter der Artemisia herba-alba aus. Mit zunehmenden Alter der Triebe verstärkt sich die Intensivität ihres Geschmacks. Daher werden vorzugsweise die jungen Triebe gesammelt. In den Fokus medialer Aufmerksamkeit geriet die Artemisia herba-alba als potenzielles Heilmittel gegen Covid-19 und deren Begleiterkrankungen. Das Screening zeigte, dass drei ausgewählte Ligandenverbindungen, nämlich 4,5-Di-O-Caffeoylchininsäure, Rutin und Schaftosid, eine starke Bindungsfähigkeit mit dem SARS-CoV-2-Mpro-Proteinkomplex besitzen. Jedoch als mögliche Behandlungsoption bei SARS-CoV-2 konnten hingegen keine ausreichende klinische Forschungsevidenz auf Basis dieser Verbindungen erbracht werden.[6] Insgesamt verstieg sich auch diese Studie lediglich auf ein Plädoyer für den Einsatz heilpflanzlicher Arzneimittel ohne jedoch konkrete Ansätze zu liefern.

Karge Anmut

Der Salzsteppen-Wermut (Artemisia santonicum) ist wahrscheinlich eines der genügsamsten Vertreter seiner Art. Das drückt sich auch im vergleichsweise geringen Vorhandensein der heilkundlich interessanten Inhaltsstoffe aus. Wie verschieden Studien nachwiesen, sind die klimatischen Bedingungen und die Beschaffenheit der Böden oftmals entscheidend für den Gehalt von Inhaltsstoffen in den Pflanzenteilen.[7] Obwohl im Heilpflanzengarten von Salagon gesichtet, scheint sich die Artemesia santonicum im Anbau eher für Gartenschmuck als zur Heilpflanze zu eignen.

Vom Feldrand für den Tisch

Das getrocknete Kraut des Gemeinen Beifuss(Artimesia vulgaris) ist ein beliebter Grundstoff fürs Räuchern. Hierbei scheint vordergründig die spirituelle, esotherische Komponente des Räucherns und weniger das Verdampfen oder die Oxidationsprodukte der Inhaltsstoffe eine Wichtigkeit zu besitzen. Das freigesetzte Aroma ist herb und hat in erster Linie den Geruch von verbranntem Kraut. Es ist weniger ein Wohlgeruch. Die Aromen des Gemeinen Beifuss sind vielmehr wasser- und fettlöslich, was bei der Zubereitungen von deftigen Speisen den typischen Geschmack ergibt.

Kollege aus Fernost

Nicht nur in der TCM gelten die Inhaltsstoffe des Einjährigen Beifuss(Artemisia annua) als Heilmittel gegen Malaria und bei Fieber. In unseren Breiten ist er eine Gartenbewohner und selten in freier Natur anzutreffen. Die Hoffnung in ihm ein pflanzliches Mittel gegen Corona-Viren und durch sie ausgelöste Infektionen zu finden, haben sich wohl zerschlagen.


Quellen:

[1] Amtsblatt der Europäischen Union (2018/C 110/09), 23.3.2018

[2] https://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2003/15/modegetraenk_absinth__bfr _raet_beim_konsum_zur_vorsicht_-2198.html; 01.06.2022.

[3] [4] Hänsel, R., Sticher, O.: Pharmakognosie-Phytopharmazie, 9. Auflage, Springer Medizin Verlag Heidelberg, 2010.

[5] Szopa, A.; Pajor, J.; Klin, P.; Rzepiela, A.; Elansary, H.O.; Al-Mana, F.A.; Mattar, M.A.; Ekiert, H. Artemisia absinthium L.—Importance in the History of Medicine, the Latest Advances in Phytochemistry and Therapeutical, Cosmetological and Culinary Uses. Plants 2020, 9, 1063. https://doi.org/10.3390/plants9091063

[6] Hasan, A.; Biswas, P.; Bondhon, T.A.; Jannat, K.; Paul, T.K.; Paul, A.K.; Jahan, R.; Nissapatorn, V.; Mahboob, T.; Wilairatana, P.; Hasan, M.N.; de Lourdes Pereira, M.; Wiart, C.; Rahmatullah, M. Can Artemisia herba-alba Be Useful for Managing COVID-19 and Comorbidities? Molecules 2022, 27, 492. https://doi.org/10.3390/molecules27020492

[7] Amine, S.; Bouhrim, M.; Mechchate, H.; Ailli, A.; Radi, M.; Sahpaz, S.; Amalich, S.; Mahjoubi, M.; Zair, T. Influence of Abiotic Factors on the Phytochemical Profile of Two Species of Artemisia: A. herba alba Asso and A. mesatlantica Maire. Int. J. PlantBiol.2022,13,55–70. https:// doi.org/10.3390/ijpb13020007

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