Schmerz lass nach!

Asklepios in einem Bleiglasmotiv im Treppenhaus der Hamburger Dammtorpraxis.

Wenn gegen jedes Leiden ein Kraut gewachsen ist – auch eines gegen Schmerzen?

„Nun hab Dich nicht so!“ Vielen von uns klingen die Worte aus der Kindheit in Erinnerung eines schmerzhaften Ereignisses nach. Eltern wollen in der Regel mit diesen Worten nicht nur das Geheule und unnötige Tränen verhindern, sondern auch einer sich entwickelnden Überempfindlichkeit gegenüber Schmerzen entgegenwirken. Jungen waren in diesen Fällen sicher mehr betroffen als Mädchen. Im Erwachsenenalter wandelte sich das in ein „wird schon gehen!“ Jedoch beim Griff zur Schmerztablette beginnt dann bereits die gedankliche Gratwanderung zwischen Schmerz-lass-nach, und den zu erwartenden Nebenwirkungen oder auch ängstlichen Gedanken einer daraus resultierenden möglichen Abhängigkeit. Gerade die Arzneimittelnebenwirkungen sind es, die häufig eine wirksame und verträgliche Schmerzbehandlung erschweren. Konsequenterweise suchen viele Betroffene nach alternativen Behandlungsmethoden den Schmerz auszuschalten, eben auch in der Pflanzenheilkunde. 

Wieso tut’s überhaupt weh?

Schmerzen entstehen auf verschiedene Art und Weise. Die Haut und auch die inneren Organe sind mit Nervenenden ausgestattet, die bei Einwirkung von mechanischen, thermischen oder chemischen Reizen reagieren. Das sind die Nozizeptoren. Sie besitzen Membranrezeptoren die auf schmerzauslösende Stoffe reagieren, wie z.B. Prostaglandine (PGE2). [1] Die Prostaglandine sind Gewebshormone. Verletztes Gewebe produziert verstärkt Prostaglandine (PGE2) und setzt es in unmittelbarer Umgebung frei. Die Prostaglandine bewirken eine verstärkte Bildung von Thrombozyten, das Auslösen von Fieber und durch das Andocken an die Nozirezeptoren – somit letztendlich den Schmerz. [2]

Alte Weiden haben dicke Köpfe und die schmerzstillende Salicylsäure.

Von der Weide zur Schmerztablette

Der bekannteste schmerzstillende Wirkstoff in der Pflanzenheilkunde ist die Salizylsäure. Ihr Vorkommen in der Weidenrinde (Salix) wurde schon in der Antike und bei den Kelten genutzt. Durch Auskochen frischer Rinden wurde die damals noch unbekannte Salizylsäure freigesetzt und konnte so in schmerzstillenden Extrakten verabreicht werden. Auch das Echte Mädesüss (Filipendula ulmaria), ein bewährtes Erkältungsmittel, hat einen hohen Anteil an Salizylsäure und Salizylsäureesther. Das Mädesüss eignet sich aber eher für die Behandlung typischer Symptome grippaler Infekte. Hingegen die Weidenrinde ist traditionell als pflanzliches Schmerz- und Rheumamittel bekannt.

Von der Weide zur Schmerztablette

Als im Jahre 1897 der Bayer AG als erstes chemisches Unternehmen die Herstellung einer reinen Acetylsalicylsäure dem Aspirin® gelang, waren die physiologischen Vorgänge zur Schmerzwahrnehmung noch nicht erforscht. Man kannte nur praktisch die analgetische, entzündungshemmende und fiebersenkende Wirkung der Salizylsäure.[3] Acetylsalicylsäure, die im Körper zur Salizylsäure verstoffwechselt wird, hemmt die Cyclooxygenase COX-1 und COX-2, und somit die Bildung von Prostaglandinen. Wenn keine Prostaglandine (Schmerz-Mediatoren), in diesem Falle PGE2, an den Nozizeptoren andocken, kann theoretisch auch kein Schmerz ausgelöst werden.

Das Unterdrücken der Produktion von Prostaglandinen führt in erster Linie zu eine Verminderung der Thrombozytenneubildung (Blutkörperchen für die Gerinnung), was die gerinnungshemmende Wirkung der Salizylsäure erklärt. Bei einer höheren Konzentration der Acetylsalicylsäure kann mit dem Wirkstoff später damit auch eine entzündungshemmende Wirkung erzielt werden. Daher findet die Acetylsalicylsäure als nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAR) Anwendung. Die schmerzstillende Wirkung basiert auf der Reduktion von Schmerz-Mediatoren – den Prostaglandinen. Andere körpereigene Schmerz-Mediatoren wie Bradykinin und Serotonin kann die in Pflanzen enthaltene Salizylsäure nicht ausschalten.[4] Das zeigt sehr deutlich, wie begrenzt die Anwendungsmöglichkeiten schmerzstillender Pflanzen wie Weidenrinde und Mädesüss sind. Hinzu kommt, und problematisch ist, dass in höheren Dosen Acetylsalicylsäure toxisch wirkt und dabei Symptome wie Übelkeit, Unruhe und Erbrechen auslösen kann.

Das Schmerzmittel von der Alm

Als schmerzstillendes und entzündungshemmendes pflanzliches Arzneimittel ist die Arnika (Arnica montana L.) hinreichend bekannt. Bei Haut- und Sportverletzungen ist die Arnikasalbe schnell zur Hand und von der Wirksamkeit sind bereits Generationen überzeugt. Der in der Arnika enthaltene Schmerzstiller ist das Helenalin. Der Wirkstoff Helenalin findet sich in den Blüten der Arnika. Die Funktionsweise des Helenanins bei der Schmerzausschaltung bedient sich hierbei des bekannten Vorgangs der Hemmung einer Prostaglandinsynthese. Damit bleiben die Nozizeptoren frei von Schmerz-Mediatoren und es werden keine schmerzauslösenden Signale ans Hirn gesendet. Allerdings ist das Helenalin ein mit Vorsicht zu geniessendes Allergen, was die Anwendbarkeit leider beträchtlich einschränkt!

Arnikablüten enthalten das schmerzstillende Helenalin.

Die Linderung aus dem Orient

Ein weiterer entzündungshemmender und schmerzstillender Wirkstoff findet sich in der Gewürznelke (Caryophylli flos), das aromatische Nelkenöl. Bei Zahnschmerzen oder Reizungen des Zahnfleisches ist es oftmals das erste Mittel der Wahl. Oft hilft es, sich eine oder mehrere Gewürznelken in die Wangentaschen an die betroffene Stelle zu schieben. Durch den Speichel wird das ätherische Öl und seinen Bestandteilen Eugenol und β-Carophyllen freigesetzt. Oft fühlt sich wenig später die Stelle ein wenig betäubt an. Tatsächlich greift das Eugenol auch hier in den entzündungsinduzierten Prozess der Cyclooxygenase (COX) ein. Wird die COX gehemmt, können keine Prostaglandine und somit keine Schmerz-Mediatoren entstehen und Schmerzen auslösen.[5] Das auch im Nelkenöl enthaltene β-Caryophyllen ist ein entzündungshemmendes CB2-Cannabinoid. Eine berauschende Wirkung bleibt jedoch aus, weil dieser Wirkstoff nicht an den CB1-Rezeptoren im zentralen Nervensystem andockt, sondern nur an den eine Immunantwort auslösenden CB2-Rezeptoren.

Das Nelkenöl enthält das schmerzstillende Eugenol und das β-Carophyllen.

Bisher besprochen wurden nur die durch Nozizeptoren ausgelösten Schmerzen. Das ist allerdings nur ein Teil des Schmerzgeschehens im menschlichen Körper. In weiteren Beiträgen werden wir uns mit Krämpfen und anderen Schmerzen beschäftigen. Sicherlich klingt es verlockend, Schmerzen nebenwirkungsarm mit Arzneipflanzen zu therapieren, aber die Tatsachen zeigen aber ein völlig anderes Bild auf. Manches erinnert im Angesicht der Unwägbarkeiten in der Pflanzenheilkunde an den Klassiker: „Gottes Werk und des Teufels Beitrag.“


Quellen:

[1] https://chemgapedia.de/vsengine/ vlu/vsc/de/ch/12/vlu_thr/aspirin.vlu/page/vsc /de/ch/12/thr/wirkstoffe/aspirin/ a3_1_schmerzen_ass_i/schmerzen_ass_i.vscml.html

[2] [5] https://www.onmeda.de/Wirkstoffgruppe/ Prostaglandine.html; Andrea Lubliner

[3] https://www.aspirin.de/produkte/wirkstoff

[4] Seifert, Roland; Basiswissen Pharmakologie; Springer Verlag Berlin, 2018;