In den Mitsommernächten bei Vollmond am Kreuzweg

Die Mitsommernächte sind die kürzesten im Jahr.

„Sammelt doch die Kräuter, wann ihr sie braucht!“

 Die Antwort des erfahrenen Bergführers, dass man die Kräuter nur bei Bedarf sammelt, schien die fragende Dame nicht recht zu befriedigen. Voll inbrünstiger Bewunderung hatte sie gerade ein Johanniskraut gepflückt. Sie bewegte sichtlich die Frage, was daran sei an dem ominösen Ratschlag, Heilkräuter bei Vollmond am Kreuzweg zu sammeln. Sein offenes, gutmütiges Lächeln ließ sie wissen, dass er es mit seiner Äußerung durchaus ernst meinte. Die Antwort liegt, wie so oft, in den Weiten zwischen Richtig und Falsch. Das Sammeln von Heilkräutern setzt umfangreiches Wissen voraus: die Kenntnisse der Pflanzen, Vertrautheit mit den Anwendungsmöglichkeiten, Erfahrungen, wo die Pflanzen und Kräuter zu finden sein werden. Alles ist erlernbar. Im besten Fall können wir auf einen bereits erworbenen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Manch einer hatte Glück. Die Eltern oder Großeltern haben auf Spaziergängen oder Wanderungen die Pflanzen und Kräuter erklärt. Andere trafen irgendwann auf Kundige und hatten die Gnade, an ihren Erfahrungen teilzuhaben. Unsere Lebensumstände erleichtern den Umgang mit wildwachsenden Pflanzen nicht unbedingt. Wir leben eher naturfern. Aufgewachsen sind wir zumeist in einer rationalen Erlebenswelt. Der urbane Lebensraum prägt unsere Alltagserfahrungen. Die Kenntnisse und Schlüssel zu diesem wunderbaren Wissensschatz sind uns daher nicht so leicht zugänglich. Warum sollte sich dann alles auf die Frage reduzieren, ob wir Kräuter in einem magischen Moment oder an einem mystischen Orte sammeln?

Das Geheimnis des Mitsommers

Die Mitsommernächte sind eine besondere Zeit. Gekennzeichnet sind sie durch die Sonnenwende zwischen der Wintersonne und der Sommersonne. Es sind die längsten Tage und kürzesten Nächte, ein Hochfest der Helligkeit und der Abwesenheit des Dunklen. Die Natur hat zu diesem Zeitpunkt einen Reifegrad erreicht, der sich in der Präsenz aller Tiere, Insekten, im Wachstum und der Entfaltung aller Pflanzen äußert. Die Glühwürmchen beispielsweise werden, wie einige andere Tiere und Organismen ausschließlich während dieser Zeit aktiv. Bei Zahlreichen Pflanzen ändert sich zu diesem Zeitpunkt der Stoffwechsel. Durch die Ausbildung von Oxalsäure endet gewissermaßen die Zeit des Genusses frischen Spargels und Rhabarber. Die altbekannte Bauernregel, den Spargel nur bis Johanni zu essen, hat nie ihre Gültigkeit verloren.

Die typischen Johanniskräuter

  • Johanniskraut am Wegesrand
    Gelbe Blütensterne des Johanniskrauts
  • Thymian im Garten
    Thymian kann in freier Natur und im Garten geerntet werden
  • Ringelblumen dürfen in keinem Garten fehlen. Sie sind wahre Hausapotheken und Helfer in der Not.
    Ringelblumen dürfen in keinem Garten fehlen. Sie sind wahre Hausapotheken und Helfer in der Not.
  • Blühender Holunder
    Weisse Blütendolden des Holunder
  • Frauenmantel Blätter und Blüten
    Blüten und Blätter des Frauenmantel
  • Wirksame Pflanzenbestandteile der Arnika sind die Blüten.
    Die Arnika ist der Klassiker unter den Heilpflanzen.
  • Zartrosa Büschel bilden die Blüten der Pfefferminze.
    Zartrosa Büschel bilden die Blüten der Pfefferminze.
  • Blüten Schafgarbe
    Blüten der Schafgarbe

Der Johannistag und die Sommersonnwende sind identisch. Lediglich drei kalendarische Tage trennen sie. Es ist eine mythologisch aufgeladene Zeit. Sie bezeichnet den höchsten Stand der Sonne und ist der Höhepunkt in der Entwicklung der Natur auf der nördlichen Erdhalbkugel. In ländlichen Gebieten wird traditionell beim Sammeln und Binden von Sträußen mit Johanniskräutern diese Zeit gewürdigt: Johanniskraut, Thymian, Frauenmantel, Heublumen, Holunderblüten, Arnika, Minze, Ringelblume, Schafgarbe. Es sind alles Heilkräuter. Im Mittelpunkt des bunten Blütenreigens steht jedoch das Depressionen lindernde Johanniskraut. Die tüpfeligen Öldrüsen auf den knallig gelben Blütenblättern erinnern an die Blutstropfen des Johannes des Täufers, der den perversen Gelüsten einer gewissen Salome und ihrer Mutter zum Opfer fiel. Beim Brechen der Stengel quillt eine rötliche Flüssigkeit hervor. Bedeutungsschwanger wird sie mit dem Blut des geköpften Johannes gleichgesetzt.

Nicht jeder ist ein Prophet

Die sommerliche Helligkeit und die volle Entfaltung der Natur regen die menschlichen Sinne an. Sie beflügelt das Entdecken, Fühlen und Denken. Rätselhaft bleibt die Welt der Pflanzen trotz botanischer Systematisierung und intensiver Forschung. Zahlreiche Inhaltsstoffe sowie die Mechanismen der heilenden Kräfte sind noch immer nicht identifiziert und unerforscht. Dennoch nutzen wir sie, wenn wir ihre Wirkung kennen. Der uns Mitteleuropäern eigene Hang zum absoluten rationalen Erkenntnisgewinn wird davon nicht erfüllt. Manch einer ist versucht diese Erkenntnislücken durch alternative Erklärungen zu schließen. Esoterische Erklärungsansätze werden als Antworten angeboten, die unserem inneren Wunsch nach Erkenntnis befriedigen und die Fantasie anregen sollen.

Der Begriff des Quacksalbers geht auf die Entdeckung des Quecksilbers als Mittel gegen die Syphilis zurück. Die Behandlung wurde professionalisiert. Apotheker, Bader und Ärzte, die sich auf diese Behandlungsmethode spezialisierten, wurden gemeinhin als Quacksalber bezeichnet. Einmal Gelerntes wurde ohne Rücksicht auf Verluste angewendet und appliziert. In Kauf nehmend, dass dabei nicht nur das Leiden sondern auch der Patient ausgetilgt wurde. Davor sind auch sogenannte Kräuterheiler nicht gefeit. Pflanzen mit zweifelhaften Heilungskräften werden über den grünen Klee gelobt und gepriesen. Girsch wird zur modischen Heil- und Nahrungspflanze hochstilisiert. Waldmeister, das nicht ungefährliche Würzkraut, mit scheinbaren Heilkräften ausgestattet, die in anderen Pflanzen viel besser verfügbar sind. Der tatsächliche Bezug zum vorhandenen Potenzial und den Wirkungen wird vernachlässigt. Für die eigene Publicity wird Nichtwissen mit aufgeblähten Fantasien kaschiert. In diesem Sinne bleibt nur der Rückgriff auf den ersten Brief Johannes 4,1; „Liebe Brüder, traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgezogen.“

Mit Pflanzen im Gespräch

Die einen begrüßen Bäume, Sträucher und Pflanzen mit dem Ausruf: „Dich kenne ich doch!“. Andere umarmen Bäume. Kundige Kräutersammler sprechen intensiv mit den Pflänzchen. Sie fragen sie nach der Wirkung und bitten um Erlaubnis, sie zu pflücken. Man muss nicht verzweifelt oder ein Schamane sein, um in der Welt der Botanik Gesprächspartner zu suchen. Es führt lediglich zu mehr Achtsamkeit. Das ist ein Zustand, der es uns erlaubt, Dinge und Zustände aufmerksam zu wahrzunehmen. Was hindert uns daran, Blumen und Kräuter anzuerkennen, was sie sind? Lebewesen. Indem wir ihnen diese Anerkennung zukommen lassen, werden wir im Umgang mit ihnen sensibler und sorgsamer. Beim Beschneiden von Blüten dürfen wir auch an die Insekten, die auch davon leben, denken. Pflücken statt Ausreißen von Pflanzenteilen wird der Pflanze und deren Nachbarn weniger schaden. Beim Ernten von Früchten, sollten wir auch an die Vögel denken, die davon leben. Diese Form von Achtsamkeit eröffnet uns die Chance, das wirklich Beste zu ernten und uns die Quelle dafür zu bewahren.

In diesem Sinne, hat die Dame wohl intuitiv das richtige Kraut zur richtigen Zeit gepflückt. Es war zunehmender Halbmond und nur eine Weggabelung. Den richtigen Zeitpunkt bestimmt das Heilkraut, wann es „geerntet“ werden kann. Mit dem Duft der Blüten, dem Zustand der Blätter oder der Früchte zeigen es viele Pflanzen an. Genaues Hinschauen, manchmal auch Nachlesen und schlussendlich der eigenen Intuition vertrauen sind die besten Ratgeber für den richtigen Moment.

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