Knospende Platane in Palermo an einem sonnigen Frühlingstag.

Gemmotherapie – Heilen mit Knospen

Jetzt im tiefen Winter, wenn noch nichts wächst und grünt, schauen wir gespannt auf die Knospen an Bäumen und Sträuchern. Abhängig von der Sonneneinstrahlung und vom Regen verströmen einige von ihnen einen ganz besonderen Geruch. Er stammt vom schützenden Harz der jungen Triebe und Blattspitzen. Feinfühlige Nasen können den Fortschritt des nahen Frühlings riechen. Sie spüren die aufsteigenden Kräfte in den Bäumen und der Pflanzenwelt.

In diesen wehrhaften ersten Zeichen des Frühlings könnte vermutlich ein Potenzial für weitere heilende Kräfte und Inhaltsstoffe stecken. Das zumindest ist die Idee der Gemmotherapie. Zubereitungen aus Knospen, Triebspitzen, jungen Wurzeln sollen die Wachstums- und Widerstandskräfte der Pflanzen zugänglich machen. Wenn in jeder Knospe die gesamten Informationen einer Pflanze gespeichert sind, müssten ihre Kräfte für Heilung und Regeneration besonders gross sein.1 Tatsächlich fanden Wissenschaftler in Knospenextrakten eine Fülle von bioaktiven Verbindungen mit mehr als 130 Pflanzeninhaltsstoffen.2

Knospen treiben. Das ist die Übersetzung des Wortes Gemmo aus dem Lateinischen. Mit Hilfe von Wasser und Glycerin lösen sich die Inhaltsstoffe aus den frischen Knospen, Sprossen und Trieben bei der Extraktion. Die so gewonnenen Gemmo-Extrakte oder auch Knospenmazerate sind in der Regel in Apotheken frei erhältlich. Sie sind Grundlage für homöopathische Zubereitungen oder gelten als Nahrungsergänzungsmittel. Die Wirkung von Gemmo-Präparaten wird häufig als reinigend, ausleitend und regulierend beschrieben. 

Keineswegs neu ist die Idee, bereits die Knospen im Frühling zu Heilzwecken zu nutzen. Fest etabliert sind in der Volksmedizin beispielsweise Zubereitungen aus jungen Fichtentrieben oder Zweigen der Schwarzen Johannisbeere. Dass sich die Vitalität von Pflanzen auf die Selbstheilungskräfte des Menschen mit der Gemmotherapie übertragen, dafür fehlen die wissenschaftlichen Nachweise. Das gilt ebenso für die beanspruchten Anwendungsgebiete der Gemmo-Extrakte.

Unstrittig ist, dass junge Triebe und Knospen reich an Antioxidantien, antimikrobiellen Wirkstoffen und entzündungshemmenden Komponenten sind.3 Inwiefern sich die Inhaltsstoffe bzw. die Gemmo-Extrakte therapeutisch nutzen lassen, konnten in Laborstudien bisher noch nicht vollständig geklärt werden. So fanden sich in den Untersuchungen neben den bekannten entzündungshemmenden Eigenschaften auch Hinweise auf antidiabetische und neuroprotektiven Wirkungen.4 Versuche mit einem Extrakt aus Blaubeer-Zweigen beispielsweise reduzierten die Zelllebensfähigkeit von Krebszellen statistisch.5

Bisher wurde vermutet, dass das alleinige Vorhandensein von Phenolsäuren in Gemmo-Präparaten ihre antioxidativen Eigenschaften erklärt. Allerdings zeigten Tests, dass neben den Phenolmetaboliten auch andere aktive Moleküle (z. B. Ascorbat, Tocopherol oder Prolin) an Prozessen der Radikalfängeraktivität beteiligt sind.6 Das ist in der Pflanzenmedizin kein neues Phänomen. Oftmals ist es dann doch die Kombination der Inhaltsstoffe, welche das therapeutische Potenzial einer Heilpflanze ausmacht. 


Quellen:
  1. Prentner, A., Heilpflanzen der Traditionellen Europäischen Medizin, Springer Verlag, Berlin 2017 ↩︎
  2. Téglás, T.; Mihok, E.; Cziáky, Z.; Oláh, N.-K.; Nyakas, C.; Máthé, E. The Flavonoid Rich Black Currant (Ribes nigrum) Ethanolic Gemmotherapy Extract Elicits Neuroprotective Effect by Preventing Microglial Body Swelling in Hippocampus and Reduces Serum TNF-α Level: Pilot Study. Molecules 2023, 28, 3571. https://doi.org/10.3390/molecules28083571 ↩︎
  3. Solcan, M.-B., Fizeșan, I., Vlase, L., Vlase, A.-M., Rusu, M. E., Mateș, L., Petru, A.-E., Creștin, I.-V., Tomuțǎ, I., & Popa, D.-S. (2023). Phytochemical Profile and Biological Activities of Extracts Obtained from Young Shoots of Blackcurrant (Ribes nigrum L.), European Blueberry (Vaccinium myrtillus L.), and Mountain Cranberry (Vaccinium vitis-idaea L.). Horticulturae, 9(11), 1163. https://doi.org/10.3390/horticulturae9111163 ↩︎
  4. Aleya, A., Mihok, E., Pecsenye, B., Jolji, M., Kertész, A., Bársony, P., Vígh, S., Cziaky, Z., Máthé, A.-B., Burtescu, R. F., Oláh, N.-K., Neamțu, A.-A., Turcuș, V., & Máthé, E. (2023). Phytoconstituent Profiles Associated with Relevant Antioxidant Potential and Variable Nutritive Effects of the Olive, Sweet Almond, and Black Mulberry Gemmotherapy Extracts. Antioxidants, 12(9), 1717. https://doi.org/10.3390/antiox12091717 ↩︎
  5. Solcan, M.-B., Fizeșan, I., Vlase, L., Vlase, A.-M., Rusu, M. E., Mateș, L., Petru, A.-E., Creștin, I.-V., Tomuțǎ, I., & Popa, D.-S. (2023). Phytochemical Profile and Biological Activities of Extracts Obtained from Young Shoots of Blackcurrant (Ribes nigrum L.), European Blueberry (Vaccinium myrtillus L.), and Mountain Cranberry (Vaccinium vitis-idaea L.). Horticulturae, 9(11), 1163. https://doi.org/10.3390/horticulturae9111163 ↩︎
  6.  Kovalikova, Z., Lnenicka, J., & Andrys, R. (2021). The Influence of Locality on Phenolic Profile and Antioxidant Capacity of Bud Extracts. Foods, 10(7), 1608. https://doi.org/10.3390/foods10071608 ↩︎
Buchenspitzen und Knospen im Frühling mit dem ersten zaghaften frühlingsgrünen Blättchen an den Zweigen.

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