Artischockenblüten im Garten der Abbaye aux Dames de Caen.

Artischocken: Gemüse oder Medizin?

Eine Distel kommt zu Ehren!

Die österreichische Herbal Medicinal Products Platform Austria (HMPPA) hat die Artischocke (Cynara cardunculus L.) zur Arzneipflanze des Jahres 2025 auserkoren. Wer meint, das hänge mit einer betonten Fettleibigkeit der Alpenlandbewohner und ihrer fett- und zuckerlastigen Essgewohnheiten zusammen, der irrt. Sie sind nicht adipöser als all die anderen Europäer.1 Auch sie kämpfen wie ihre Nachbarn mit sogenannten Zivilisationskrankheiten. Eine davon ist die nichtalkoholische Fettleber. Grosse Erwartungen bei der nichtmedikamentösen Behandlung der nichtalkoholischen Fettleber werden an Extrakte aus Artischockenblättern geknüpft.

Sie vollbringen keine Wunder

Bei den aus Artischockenblättern gewonnenen Extrakten sind vor allem Caffeoylchinasäuren von Bedeutung. Ihr Gehalt sollte 2% in den getrockneten Blättern nicht unterschreiten.2 Speziell die Inhaltsstoffe Caffeoylchinasäuren, insbesondere Chlorogensäure und Cynarin, sollen bewirken, dass es zu einer gesteigerten Ausscheidung von Cholesterol in Form von Gallensäuren kommt. Auf diesem Wege sollen sich die Fett- und Lipidablagerungen in der Leber reduzieren lassen.3 Eine vermehrte Ausschüttung von Gallensäuren unter Einnahme von Artischocken-Zubereitungen funktioniert erwiesenermassen bei dyspetischen Beschwerden. Jedoch ist die Studienlage für die Wirksamkeit von Anwendungen mit Artischockenextrakt bei nichtalkoholischer Fettleber widersprüchlich. Warscheinlich liegt eine Lösung des Rätsels in der Dosierung. Möglicherweise waren sie zu niedrig und nicht lang genug angewendet. Das vermutet jedenfalls vermutet Frau Prof. Dr. Sigrun Chrubasik-Hausmann. Sie ist Expertin zur Qualität klinischer Studien mit pflanzlichen Arzneimitteln am Institut für Rechtsmedizin der Universität Freiburg i.Br..4

Im Herzen sind sie lecker

Die Knospen der Artischocke werden lange vor dem Aufblühen geerntet. Essbar sind die Blütenböden und die Ansätze der einzelnen Hüllblätter.
Artischocken sind mittlerweile als Luxus-Gemüse avanciert. Ihre relativ geringe Menge an essbarer Substanz sättigt mehr, als man ihr zutraut.

Geschmacklich sind sie wunderbar

Einen Beitrag zur gesunden Ernährung leisten Artischocken auf jeden Fall. Vitaminreich und mineralstoffhaltig sind ihre Blüten. Reichlich Ballaststoffe haben die noch jungen Blütenblätter und auch die begehrten Blütenböden. Inwiefern sie kalorienarm sind, das hängt von ihrer Zubereitung ab. Eine Pizza Carciofi wird kaum in der Lage sein, den Blutfettspiegel zu senken. Schmecken wird sie wohl.

Ungewöhnlich und praktikabel

Dioskurides wusste um einen ganz anderen praktischen Nutzen beim Genuss von Artischocken. Üblen Körpergeruch und Achselschweiss begegnete man in seinen Tagen mit innerlichen und äusserlichen Anwendungen von Artischocken. Harntreibend wirken sie auf jeden Fall. Seinen Aufzeichnungen nach bewirkt das die Ausscheidung übelriechenden Urins in grossen Mengen.5 Das wird sich auch heute jederzeit überprüfen lassen.

Ob es sich bei der Artischocke (Cynara cardunculus L.) tatsächlich um eine Distel handelt, auch dabei sind sich die Experten nicht sicher. Zugeordnet werden sie der Familie der Korbblütler (Asteraceaen) und als distelartige Kulturpflanze beschrieben.

Artischocken im Garten des schweizerischen Kloster Kappel.
Quellen:
  1. https://www.eufic.org/de/gesund-leben/artikel/europas-adipositas-statistiken-zahlen-trends-und-raten-nach-laendern/; 02.05.2025 ↩︎
  2. Presseaussendung HMPPA; https://www.hmppa.at/wp-content/uploads/2025/01/Pressemappe_Arzneipflanze-2025.pdf; Inhaltsstoffe und Qualtiätsprüfung der Arzneipflanze 2025; 02.05.2025 ↩︎
  3. Hänsel, R., Sticher, O.; Pharmakognosie Phytopharmazie, 9. Auflage, Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2010. ↩︎
  4. Presseaussendung HMPPA; https://www.hmppa.at/wp-content/uploads/2025/01/Pressemappe_Arzneipflanze-2025.pdf; Stellenwert der Arzneipflanze 2025 in der medizinischen Praxis; 02.05.2025 ↩︎
  5. Dioskurides, Pedanios, De materia medica, Übersetzung: Julius Berendes (1902), Bearbeitung: Alexander Vögtli (1998), pharmawiki.ch ↩︎

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