Aromatisch duftende grüne Teppiche bilden die kleinen zierlichen Waldmeisterpflänzchen in Buchenwäldern.

Des Maien unwiderstehlicher Duft – der Waldmeister

Ein Heilkraut ist der wohltuend aromatisch duftende Waldmeister nicht!

Es ist schon erstaunlich, was ihm in manchen etablierten Foren Kräutern und Pflanzen an Kräften und Wirkungen untergejubelt und zugeschrieben wird. Machmal frage ich mich, ist da ein Quentchen zuviel Fantasie oder eine überschwengliche Geltungssucht der Verursacher?

Den Teufel mit dem Belzebub austreiben?

Neuerdings wird der Waldmeister als Heilkraut gegen allerlei Zipperlein und ernsthafte Beschwerden kolportiert. Dabei wird ganz unverfroren der Anschein erweckt, dass es sich dabei um überprüftes Wissen handelt. Was in aller Welt treibt Menschen an, so unverantwortlich mit Gesundheitsversprechen umzugehen? Auf der einen Seite werden versteckte Praktiken der pharmazeutischen Industrie angeprangert. Auf der anderen Seite werden Heilkräuter und -pflanzen als faktisch nebenwirkungsfrei und durchweg für jedermann zu gebrauchen gepriesen. Dabei sollte jedermann und jederfrau bewusst sein, dass vom unsachgemässen Umgang mir Heilpflanzen erhebliche gesundheitliche Risiken ausgehen können. Das zu verschweigen oder zu ignorieren ist grob fahrlässig. Zu einem sind ein Grossteil der Bevölkerung Allergiker, die genau prüfen sollten, was sie zu sich nehmen. Zum anderen gibt es eine ganze Reihe von Pflanzen, die erst durch die Aufbereitung ihre heilende Wirkung entfalten können, da sonst sie durchaus das Potenzial haben, die Gesundheit zu ruinieren. Erinnert sei hier beispielsweise an den Fingerhut und das Maiglöckchen. Letztendlich kennen wir auch eine Vielzahl von Kräutlein, die leider einige risikobehaftete Inhaltsstoffe in sich haben. Nur um die Anzahl begeisterter Seiten-Besucher hochzutreiben, wird genau das ignoriert und werden die absurdesten Behauptungen aufgestellt.

Wenn die kleinen weissen Blüten erblühen, wird der aromatische Duft besonders deutlich spürbar.

Hoffnung steckt in jedem Grün

Jüngstes Beispiel einer zweifelhaften Zuordnung von Heilwirkungen hat den Waldmeister getroffen. Jetzt im Monat Mai wächst und blüht er kräftig in den Buchenwäldern. Es ist eine Pracht. Von oben scheint das unwirklich grelle Grün des frischen Buchenlaubes. Am Waldboden drücken sich die kleinen zarten Waldmeisterpflänzchen durchs verrottende Laub und bilden zartgrüne Inseln.

Angeblich soll der Waldmeister ein wirksames Mittel gegen Migräne, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Leberbeschwerden sein. Das ist nicht ganz unlogisch, denn der aromabildende Inhaltsstoff ist das Cumarin. Es wird als gefässerweiternd und entkrampfend beschrieben. Diese Wirkung passt zur gängigen Lehrmeinung, dass Migräne eine Folge verengter Aterien und Kapillaren im Hirn ist. Leider gibt es für die Wirksamkeit bei diesen Indikationen keinerlei Belege. Ganz im Gegenteil, kann gerade das Cumarin Kopfschmerzen, Schwindelgefühlen und Schlaflosigkeit auslösen. Zudem steht der Stoff Cumarin im Verdacht leberschädigend und über lange Strecken karzinogen zu sein. Es ist nicht so, dass ich unter Migräne leidenden Menschen abraten will, den Waldmeister auszuprobieren. Manchmal lösen sich Schmerzen und Probleme eben nur durch Ausprobieren von ungewöhnlichen Alternativen. Ein universelles Mittel scheint es bei Migräne nicht zu geben. Nur sollte die Linderung eines Leidens kein neues Leiden nach sich ziehen. Die Welt der Pflanzen und Kräuter hält bei Kopfschmerzen einige probate Mittel bereit: Bertram, Taubnessel, Weide u.a..

Selbst die Klassiker sind ahnungslos!

Das Blättern in den klassischen alten Kräuterbüchern führt auch zu keinem Ergebnis. Auf die heilende Wirkung des grünen Krautes finden sich keine Hinweise. Der Waldmeister ist keine Heilpflanze. Diese Einschätzung teilen auch die Experten der Kommission E, der EMA und eine anderslautende Nachricht gibt es nicht von der ESCOP.

Waldmeister wurde in vergangenen Tagen genutzt, um den Geschmack alten Weins aufzupeppen. Das ist wohl der Ursprung der beliebten Maibowle.

Gibt alten Wein neuen Geschmack: Waldmeister, das Bowlengewürz

Genuss ohne Verdruss

Die traditionelle Maibowle funktioniert nur mit frischem Waldmeister. Er muss vor dem Erscheinen der kleinen weissen Blüten gepflückt werden. Die grünen Büschel aromatisieren den gekühlten Wein. Sie werden gemeinsam mit der Bowle angesetzt. Eine vielfach vertretene Meinung zur Verwendung frischen Waldmeisters lautet: „Einmal, ist keinmal,“ Es kann sein, dass sie recht haben. Die Konzentration des Waldmeisteraromas muss schon sehr hoch sein, um einen gesundheitlichen Schaden hervorzurufen. Die Kopschmerzen und die Übelkeit werden wohl eher bei einem übermässigen Alkoholgenuss eintreten.

In den späten Siebzigern erkannte man das gesundheitliche Risiko des Waldmeisteraromas. Offensichtlich wollte man mit dem Verbot des frischen Waldmeisters für Lebensmittel besonders Kinder und Heranwachsende schützen. Denn es sind genau die, welche das Aroma besonders schätzen in Puddings, Götterspeisen, Sirup und Eiscremes. Dementsprechend häufig und viel wären sie den Risiken ausgesetzt worden. Die chemische Industrie hat ein künstliches Aroma entwickelt, das zwar nicht perfekt den Waldmeistergeschmack wiederspiegelt, aber frei von Cumarin ist

Aber er duftet doch so gut.

Der Duft nach Waldmeister assoziiert mit Leckereien und Köstlichkeiten, welche die Kindheit begleitet haben. Gleichzeitig zeigt der Duft an: der Frühling ist unwiderbringlich da. Gänzlich ungefährlich ist es hingegen, den frisch gepflückten Waldmeister in kleine Sträusschen zu binden. Ein besserer Raumduft lässt sich wohl kaum erzeugen, wenn die Sträusschen die Wohnung zieren oder zum Trocknen aufgehängt werden. Vielleicht hilft gerade auch der wohltuende Duft als kleine Aromatherapie Menschem mit Kopfschmerzen und Migräne. Den Versuch kann es wert sein!

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