Arzneipflanze des Jahres 2026: Ingwer – Zingiber officinale Roscoe
Scharfe Knollen mit Potenzial
Dass der Ingwer (Zingiber officinale Roscoe) zur Arzneipflanze des Jahres gewählt wurde, können all jene verstehen, denen die weltpolitischen Geschehnisse zum Jahresanfang auf den Magen schlugen. Gegen Übelkeit und Brechreiz wirken erwiesenermassen zwei Inhaltsstoffe der Ingwerwurzeln. Es sind die Scharfmacher Gingerole und Shogaole. Sie sind leider nur Mittel gegen Auswirkungen und beseitigen nicht die Ursachen.
Der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde und die Gesellschaft für Phytotherapie kürten gemeinsam den Ingwer (Zingiber officinale) zur Arzneipflanze des Jahres 2026. Obwohl es sich um keine heimische Heilpflanze handelt, prägt er unser alltägliches Leben ganz nebenbei, wie ihm das schon seit Jahrhunderten immer wieder gelang.
Man nennt Ingwer und Pfeffer in der Arzneikunde Wirkungsgenossen; deshalb brauche ich über den Ingwer nichts weiter zu sagen.
Macer floridus – Übersetzt von Konrad Goehl
Das Wissen um die heilende Wirkung der Ingwerwurzeln ist nicht neu. Seit mehr als 2.000 Jahren weckt er immer wieder das Interesse der Heilgelehrten. Bereits Dioskurides beschrieb seine „die Verdauung befördernde Kraft“. Da der Ingwer (Zingiber officinale Roscoe) eine Pflanze der Tropen und Subtropen ist, verwundert es, dass im Mittelalter nördlich der Alpen über ihn berichtet wird. Namentlich war es die Heilige Hildegard, die im Schatten des Rheintals über sein heilkräftiges Rhizom schrieb (oder schreiben liess). Im Falle von Magenleiden empfahl sie eine Mischung von Ingwer, Galgant und Zitwer. Da fragt sich der Leser im 21. Jahrhundert: wo hatte sie damals das Zeug her? Vor mehr als vierzig Jahren lagen die Ingwerknollen in keinem der Mainzer Supermärkte und auch nicht beim Rüdesheimer Lebensmittelhändler. Erst mit dem Einzug ostasiatischer Küchen ins gastronomische Deutschland änderte sich das allmählich. Mittlerweile läuft keine Grippesaison oder Erkältungswelle ohne eine erhöhte Nachfrage der scharfen Knollen. Frisch geschnittene Ingwerscheiben in Heissgetränken gelten als Immunstimulator schlechthin. Was dran ist, darüber herrscht noch immer Unklarheit. Bis dahin gilt die Formel: wem es hilft und nicht schadet, den heilt’s.

Ein spätes Zeugnis der Klosterheilkunde: das faszinierendes Wachstum einer Ingwerpflanze im Kruidentuin der belgischen Abdij Postel.
Im Lorscher Arzneibuch, dem ältesten Zeugnis der Klosterheilkunde auf deutschem Boden, finden sich eine Reihe von Rezepturen mit Ingwer als Zutat, unter anderem in einem ‚Heilmittel gegen alle Magenschmerzen‘. Bemerkenswert ist, dass Ingwer nicht allein sondern immer in der Mischung mit anderen Ingredienzien genutzt wurde. Allerdings verraten die Zusammenstellungen, dass es sich nicht um Allerweltsmedikamente handelte. Oder anders gesagt, keine Medizin für Jedermann. Gesundheit ist zwar ein kostbares Gut, aber wer sollte das denn bezahlen?
Die berüchtigte Reisekrankheit ist keine Erkrankung im eigentlichen Sinne sondern vielmehr eine Befindlichkeitsstörung. Das klingt ganz schön bitter. Die mehr oder minder freudige Aufregung wegen einer bevorstehenden Reise gipfelt dann in körperlichen Beschwerden wie Übelkeit, Schwindel und sogar Erbrechen. Frische Luft kann hilfreich sein. Bereits die vorbeugende Einnahme von frischem oder pulverisierten Ingwer kann allerdings das Auftreten dieser Beschwerden verhindern oder zumindest abmildern. Übrigens, die Knollen dürfen auch im Handgepäck mitgeführt werden!
Quellen:
Auslobung Arzneipflanze des Jahres 2026 Ingwer, Aussendung des Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde, Würzburg, 05.01.2026

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