Heilpflanze des Jahres 2022: Brennnessel – Urtica dioica

Brennnessel vor dem Tore der La Grande Chartreuse.

All jenen, die sich jetzt schon fragen, wie es nächstes Jahr weitergehen soll, sei gesagt: „Es läuft!“ Wohl kaum anders lässt sich die frühzeitige Wahl der harntreibenden Brennnessel (Urtica dioica) zur Heilpflanze des Jahres 2022 im Juni erklären. Bekanntlich lässt ein Tee aus Brennnesselblättern den Harn fliessen und spült die Harnwege bzw. hilft beim Ausschwemmen von Schadstoffen. Das ist hilfreich bei Infekten und anderen Störungen der Harnwege. Immerhin wurde mit der Wahl der Brennnessel ein Allerweltskraut und kein Exot ins Rampenlicht gerückt. Wir kennen sie alle. Jeder hat schon einmal Bekanntschaft mit ihr gemacht und erinnert sich an ihre Berührung. Die Nesseln ihrer Blätter haben auf der Haut von uns allen die kleinen roten juckenden und schmerzenden Pusteln hinterlassen. Sie gilt als eine wahrlich wehrhafte Pflanze.

Wahl ohne Qual

Hinter der Wahl zur „Heilpflanze des Jahres“ steht der Verein zur Förderung der naturgemäßen Heilweise nach Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus e.V. (NHV Theophrastus). Mit der alljährlich stattfindenden Wahl will der Verein auf die Schätze in der Natur aufmerksam machen. So soll mit der Wahl der Brennnessel zur Heilpflanze des Jahres 2022 ein Teil des traditionellen und modernen naturheilkundlichen Wissens weitergegeben werden. So betont auch der Vorsitzender der Jury, Heilpraktiker Konrad Jungnickel, „dass die zutiefst einheimische Pflanze so ungeheuer vielseitig nutzbar ist“.[1]

Vielseitiges Unkraut

Die Beliebtheit der Brennnessel als Pflanze hält sich zwar in Grenzen. Gärtner sehen in erster Linie in ihr ein Unkraut. Allerdings werden sie der Brennnessel mit dieser Einstellung nicht gerecht. Ihre gezackten Blätter mit den feinen Härchen an der Unterseite taugen durchaus als Grundlage für Dünger oder biologische Pflanzenschutzmittel. Auch wenn Wanderer ihre Hände erheben und ihre Waden schützen beim Durchqueren feuchter Niederungen durchqueren, wo sich Brennnesseln besonders wohlfühlen. Menschen mit unreiner Haut oder Harnwegsproblemen schätzen sie hingegen als wertvolle pflanzliche Helferin, deren Blätter bereits ab dem Frühjahr ganzjährig nutzbar sind. En vogue als Nahrungsergänzungsmittel sind mittlerweile die Fruchtstände der Brennnessel. Sie sollen angeblich als Mittel gegen Haarausfall, zur Potenzsteigerung oder als allgemeines Kräftigungsmittel taugen.


Die Brennnessel ist die natürlichste Diuretika aus dem Reich der Pflanzen.

Brennnessel

Natürliche Diuretika mit ganzjähriger Verfügbarkeit. Die Blätter leisten frisch oder im getrockneten Zustand gute Dienste.


Wirkung garantiert

Wer schon einmal einen Brennnesseltee getrunken hat, wird einen vermehrten Harndrang erlebt haben. Daher ist die Zeit vor dem Zubettgehen für die Einnahme von Brennnesseltee eher ungünstig. Neben der bekannten harntreibenden Wirkung haben Brennnesselblätter auch blutreinigende und blutstillende Eigenschaften. So lassen sich die Inhaltsstoffe der Brennnessel in Teezubereitungen zur Linderung von Gelenkschmerzen, rheumatischen Beschwerden oder bei Harnwegsinfekten zum Ausschwemmen nutzen. Das sind die Indikationen, die offiziell der Brennnessel zuerkannt wurden. In der Volksheilkunde ist sie eine schon sehr lange genutzte Pflanze. Wegen ihrer ganzjährigen und fast schon ortsunabhängigen Verfügbarkeit hat sie nie eine herausragende Wertschätzung oder Beachtung genossen wie vielleicht jetzt mit dieser Ehrung als „Heilpflanze des Jahres“.

Brennendes Allheilmittel

Auf dem Balkan wird die Brennnessel traditionell als Schutz vor unreinen Mächten eingesetzt. Das Einreiben der Euter von Kühen am Georgietag soll vor Zauberei schützen. Damit die Milch nicht ausbleibe. Ebenso legte man sie Schwangeren unters Kissen um sie vor dämonischen Schattenwesen zu schützen. [2]

Dioskurides beschrieb in seinen Aufzeichnungen zwei verschiedene Arten der Brennnessel, die er alle beide gleichermassen als Arzneimittel bezeichnete. Bei Erkrankungen der Haut, beispielsweise Abszessen, Geschwüren und Hundebissen empfahl er das Auflegen von Blättern mit Salz. Den Saft der Brennnesseln empfahl er hingegen bei Nasenbluten oder Entzündungen des Zäpfchens im Rachen.[3]

Übrigens, gegen Vergesslichkeit empfahl Hildegard von Bingen die Anwendung einer Mixtur aus Brennnesselsaft und Olivenöl.[4] Diese Mischung sollte allerdings auf die Brust gerieben werden.


[1] Pressemitteilung: Heilpflanze des Jahres 2022; Paracelsus e.V. (NHV Theophrastus), Juni 2021.

[2] Tasic, N.: Balanica; L’institute des Etudes balkaniques, 1995.

[3] Dioskurides: Materia Medica; PharmaWiki, November 2020.

[4] H. v. Bingen: Heilsame Schöpfung – Die natürliche Wirkkraft der Dinge; Beuroner Kunstverlag, 2016.