Herrjeh, es blüht wieder – das Kreuzjacobskraut!

Das freundliche Gelb täuscht. Das Kreuzjacoskraut ist schädlich für Tier und Mensch.

Ein Kreuz mit dem frustigen Kraut

Für das Sammeln von Kräutern gelten die gleichen Regeln wie beim Pilzesuchen. Um Verwechslungen auszuschließen, lässt man am besten die Finger von denen, die unbekannt sind! Oder man fragt jemand, der sich wirklich auskennt. Das hoch aus den Wiesen aufragende Kreuzjacobskraut (Senecio jacobaea) ist definitiv kein Kraut zum Sammeln!

Hüfthohe gelbe Blütenbüschel säumen im Hochsommer die Straßenränder, Wiesen und Weiden. Das Kreuzjacobskraut ist eine heimische Pflanze und blüht gewöhnlich ab Mitte Juli bis August. Der Beginn der Blütezeit des Krautes wird mit dem Jakobstag (25.07.) in Verbindung gebracht. Dieser Tag ist ein wichtiges Datum im Bauernkalender. Zu diesem Zeitpunkt sehen die Bauern auf den Almen nach dem Rechten und im Flachland beginnt die Erntezeit. Aus heutiger Sicht würde man die Namensgebung sicherlich noch einmal überdenken. Was wie ein wunderschöner Blütenschmuck anmutet, stellt für Landwirte, Viehzüchter und Imker ein wucherndes Problem dar. Kreuzjacobskraut ist ein giftiges Unkraut. Blüten, Blätter und Samen, defacto alle Pflanzenteile enthalten das leberschädigende Pyrrolizidinalkaloid.

Ein fieses Kraut für Tier und Mensch

Die Pyrrolizidinalkaloide sind sekundäre Pflanzenstoffe, welche vornehmlich der Fressabwehr von natürlichen Feinden dienen. Für Menschen und Tiere stellt die Wirkung dieses Giftes auf die Leber eine ernsthafte Gesundheitsgefährdung dar. Neben den lebertoxischen Eigenschaften wirkt es laut Bundesamt für Risikobewertung (BfR) erbgutverändernd und krebserregend. Auf Weideflächen werden die Pflanzen im Allgemeinen wegen des bitteren Geschmacks von den Tieren gemieden. Für die Futtergewinnung von Heu und Silage ist die Pflanze hochproblematisch. Durch Trocknung und Fermentierung werden die Bitterstoffe abgebaut, aber die schädigenden Pyrrolizidinalkaloide bleiben erhalten. Ähnliche Probleme bestehen bei Verunreinigungen in der Getreideproduktion und beim Kräuteranbau. Daher ist es wichtig, landwirtschaftlich genutzte Wiesenflächen für die Gewinnung von Tierfutter vom Kreuzjacobskraut freizuhalten.

Seit mehreren Jahren vermehren sich die Pflanzen epidemisch. Ursächlich scheint der Klimawandel zu sein. Perioden mit großer Hitze und Trockenheit begünstigen die Ausbreitung. Die Pflanze bildet ähnlich dem Löwenzahn Samen, die durch den Wind fortgetragen und verbreitet werden. Die einzig wirksame Methode gegen das üble Kraut ist das Ausgraben der gesamten Pflanze. Auf den Almen ist das eine der ungeliebten Arbeiten von Sennern und Sennerinnen. Wird lediglich das blühende Kraut entfernt, bleibt der Muttertrieb erhalten. Die Pflanze bildet neue (giftige) Blätter aus und entwickelt sich weiter. Daher ist das vielfach angeratene Mulchen von befallenen Flächen keine Lösung. Damit wird möglicherweise nur die Verbreitung durch Samenflug aber nicht der Fortbestand verhindert. Beträchtliche Kollateralschäden verursacht die Methode des Mulchens von Wiesen. Alle anderen Pflanzen, Gräser, Kräuter und Wiesenbewohner werden bei diesem gravierenden Eingriff erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Das hat unmittelbar Auswirkungen auf die Biodiversität, um die es in Gebieten mit intensiv betriebener Landwirtschaft nicht gut bestellt ist. Die Artenvielfalt von Pflanzen und Kräutern auf norddeutschen Wiesen ist bereits beträchtlich eingeschränkt. Derartig drastische Maßnahmen – vor allem, wenn sie extensiv genutzte Grünflächen betreffen – helfen nicht. Deutliche Hinweise liefert die im Nature-Magazine veröffentlichten Studie „Biodiversity at multiple trophic levels is needed for ecosystem multifunctionality“ der Universität Gießen. Der Studienleiter Prof. Wolters findet dazu deutliche Worte: „Die Menschheit wird ihre Sichtweise auf die Natur, von der sie leichtfertiger Weise glaubt, dass man sie mit chemischen und mechanischen Mitteln beherrschen kann, deutlich verändern müssen.“ Interessanterweise spricht sich das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume von Schleswig-Holstein nicht für einen „Vernichtungsfeldzug“ aus, sondern für gezielte Maßnahmen zur Erhöhung der Artenvielfalt aus.

Die Agrarlobby und Länder wie Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern setzen nach wie vor auf den Einsatz von Herbiziden, was nachweislich zum Verlust der Artenvielfalt auf Wiesen, Weiden und Ackerrändern geführt hat. Der Mangel an konkurrierenden Pflanzen hat maßgeblich mit zur Ausbreitung des Kreuzjacobskrautes beigetragen. Umdenken ist schwierig. Alte Denk- und Handlungsmuster einer industriellen Agrarwirtschaft werden fortgesetzt. Das führt zu Interessenkonflikten, Kollisionen und Kontroversen. Der NABU spricht mittlerweile von Hysterie in der Debatte um das ungeliebte Kraut.

Es bereitet Imkern Kopfschmerzen

Bei den Imkern herrscht große Verunsicherung seit der Meldung des BfR, dass Honig als eine der Hauptaufnahmequellen für Pyrrolizidinalkaloide gilt. Das kratzt gewaltig am Image aller Berufs- oder Freizeit-Imker. Ihr Produkt gilt als ein reines und gesundes Naturprodukt. Sie tun alles für die Gesundheit ihrer Völker und die Qualität ihrer Produkte. Plötzlich stehen sie als Produzenten verunreinigter Lebensmittel im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dass die Diskussion mittlerweile sehr emotional geführt wird, ist nachvollziehbar. Interessanterweise liegt der Fokus der Wahrnehmung mehr auf dem einheimischen als auf dem importierten Honig. Obwohl es scheint, dass eher Importhonig von den Verunreinigungen mit Pyrrolizidinalkaloiden betroffen sind. Die Fassungs- und Ratlosigkeit der deutschen Imker lässt sich sehr wohl verstehen. Unmöglich können sie ihren Bienenvölkern vorschreiben, welche Felder und Wiesen sie anfliegen. Verhindern können sie es auch nicht. Das Einschleppen von Pyrrolizidinalkaloiden erfolgt übrigens nicht allein über das Kreuzjacobskraut. Auch andere durchaus wertvolle Heilkräuter kommen dafür in Frage: Beinwell, Boretsch, Huflattich und Schöllkraut. Zum Thema Schöllkraut befindet sich aktuell der Pharma-Konzern Bayer AG in einer gerichtlichen Auseinandersetzung zum Thema Grenzwerte Pyrrolizidinalkaloide für sein Medikament Iberogast. Weil die pharmazeutische Industrie auf das wertvolle Hustenmittel Huflattich nicht verzichten möchte, wurden extra pyrrolizidinalkaloidfreie Sorten gezüchtet. Das verdeutlicht, wie heikel dieses Thema ist. Für die Imker bieten sich exakt zwei Alternativen. Erstens, können sie die Honigsorten z.B. mit späteren Ernten mischen und so die Konzentration senken. Das ist ein völlig legitimes und zulässiges Verfahren. Die Nachweis- und Analyseverfahren stellen einen zusätzlichen Aufwand dar. Mit Sicherheit sind sie das Letzte, was Imker in ihrer schönen naturnahen Tätigkeit sich wünschten. Zweitens, Sorge dafür tragen, dass die Nahrungsauswahl für ihre Völker vielseitig ist. Die Bienen auf eine breite Auswahl blühender Pflanzen anfliegen können. Da die meisten Imker das umliegende Land nicht selbst bewirtschaften, sind sie darauf angewiesen, dass die botanische Artenvielfalt im Umfeld erhalten und weiterentwickelt wird. Dazu sind sie unter anderem auf das Mitwirken der Landwirte angewiesen.

Da hilft auch kein Merkeln!

Übereinstimmend plädieren länderübergreifend die Experten für die Entfernung der Pflanze und der Schließung der Grasnarbe durch Aussaat robuster Gräsern oder einer geeigneten Bepflanzung betroffener Flächen. Als wichtigste und nachhaltigste Maßnahme zur Verhinderung der Ausbreitung des Kreuzkrautes rät die Landwirtschaftskammer von Nordrhein-Westfalen die Sicherstellung einer dichten Grünlandnarbe ohne Fehlstellen. Somit liegt die Verantwortung für die Reinhaltung der landwirtschaftlich genutzten Flächen bei den Landwirten. Ursächlich für die Ausbreitung der Pflanzen auf Weideflächen sind Überweidung und mangelnde Weidenpflege.
Überweidung führt zur Schwächung der Grasnarbe, wobei dann sogar die Kreuzjacobskräuter konkurrenzlos auf der Weide verbleiben. Trittschäden lassen sich durch rechtzeitigen Weidenwechsel und einer dem Futterangebot entsprechenden Tierbesatz verhindern. Weidenpflege meint das eingangs erwähnte auf Almen alltägliche Ausstechen der unerwünschten Pflanzen und das Nachmähen.

Die deutschen Landwirte müssen sich der Frage stellen, wie sie auch zukünftig die Qualität und Sicherheit ihrer Produkte gewährleisten wollen. Eine „Haltet-den-Dieb-Taktik“ bringt nichts. Ursachen für die Verbreitung des Krautes in der Biolandwirtschaft oder stillgelegten Flächen zu suchen, hilft bei der politischen Diskussion, trifft aber nicht den Kern des Problems. Es verhält sich ähnlich wie bei Krankheiten. Das Behandeln des Leidens bringt zwar dem Patienten Erleichterung. Ohne die wirkliche Beseitigung des Auslösers wird die Erkrankung früher oder später wieder aufflammen. Beispielsweise werden rund 85% der in Deutschland verwendeten und verarbeiteten Kräuter für Heilmittel und Tees importiert, obwohl die in Deutschland pro Hektar erzielbaren Deckungsbeiträge überdurchschnittlich (höher als Getreide; A.d.R.) sind. Das erfordert allerdings eine Umstellung in der Arbeitsweise und den weitestgehenden Verzicht auf Herbizide. Ähnliche Schwierigkeiten haben ganz offensichtlich auch die ausländischen Produzenten. Neben den in den Medien immer wiederkehrenden Meldungen über Schadstoffe in Kräutertees, kämpft die pharmazeutische Industrie mit der selben Hydra. In jüngster Vergangenheit wurden Zusammenhänge vermutet zwischen Lieferengpässen bei pflanzlichen Heilmitteln und eventuellen Problemen mit Verunreinigungen durch importierte pyrrolizidinalkaloid-haltige Pflanzenbestandteile. Ganz offensichtlich gibt es wirtschaftlich attraktive Chancen für die einheimische Agrarwirtschaft, die aber nur durch nachhaltige Veränderungen realisierbar sind.

Vorsicht geboten ist beim Ausgraben oder Ausreißen der Pflanze. Der Kontakt kann Hautreizungen auslösen. Schutzhandschuhe bieten einen ausreichenden Schutz. Gejätete Pflanzen müssen vernichtet werden, um eine Neuaussaat zu verhindern.

Quellen:


https://www.welt.de/regionales/koeln/article109692522/Die-Gefahr-einer-heimischen-Pflanze.html

https://www.welt.de/wirtschaft/article163241020/In-diesen-Kraeutertees-stecken-giftige-Stoffe.html

https://www.landwirtschaftskammer.de/landwirtschaft/ackerbau/gruenland/jakobskreuzkraut.htm

https://schleswig-holstein.nabu.de/tiere-und-pflanzen/pflanzen/sonstige-pflanzen/jacobsgreiskraut/19039.html

https://www.umweltbundesamt.de/themen/boden-landwirtschaft/umweltbelastungen-der-landwirtschaft/gefaehrdung-der-biodiversitaet

https://www.umweltbundesamt.de/themen/boden-landwirtschaft/umweltbelastungen-der-landwirtschaft/gefaehrdung-der-biodiversitaet

https://www.agrarheute.com/tier/rind/ratgeber-so-bekaempfen-jakobskreuzkraut-522513

https://www.landwirtschaftskammer.de/riswick/pdf/jakobskreuzkraut.pdf

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=62719

https://www.julius-kuehn.de/media/Veroeffentlichungen/Flyer/Jakobs-Kreuzkraut.pdf

https://www.topagrar.com/news/Acker-Agrarwetter-Ackernews-Jakobskreuzkraut-jetzt-bekaempfen-1758393.html

https://www.topagrar.com/…/Kraeuteranbau-Nische-fuer-Spezialisten-634786.html

https://biooekonomie.de/branche/pharma

https://www.fuenfseenland.de/tradition/festtage/jakobitag/