Arzneipflanze des Jahres 2022: Mönchspfeffer – Vitex agnus-castus

Ein Sofa für Schmetterlinge ist so eine Blütentraube des Mönchspfeffers.

Leicht hat es sich die Forschungsgruppe Klostermedizin Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde‘ diesmal nicht gemacht mit der Auslobung der „Arzneipflanze des Jahres“. Ein wenig überraschend fiel die Wahl auf den Mönchspfeffer (Vitex agnus castus), der auch landläufig Keuschlamm genannt wird.


„Es heißt Keuschlamm, weil es die Begierde nach Lust zurückdrängt und den Mann keusch macht wie ein Lamm.“

DAS CIRCA INSTANS


Was die männlichen Libido behindert, scheint für Frauen hilfreich zu sein. Mönchspfeffer-Präparate können die Beschwerden beim prämenstruellen Syndrom (PMS) lindern. Wenn die Monatsblutung unregelmäßig auftritt oder es zu lästigen Spannungs- und Schwellungsgefühlen in der Brust, Reizzuständen und Schmerzen im Unterbauch kommt, dann sprechen Mediziner vom prämenstruellen Syndrom, kurz: PMS. Schätzungen zufolge kennt wahrscheinlich jede dritte Frau dieses Problem.

Ein Strauch, der Frauen hilft

Bekannt ist, dass die pflanzlichen Inhaltsstoffe der Früchte des Mönchspfeffers eine stabilisierende Wirkung auf den Hormonhaushalt von Frauen haben. Die pflanzlichen Wirkstoffe hemmen die Freisetzung von Prolaktin – dem milchbildenden Hormon aus der Hirnanhangdrüse. Prolaktin scheint verantwortlich zu sein für die Beschwerden bei PMS. Die Mönchspfeffer-Extrakte eignen sich aber nicht als Sofort-Hilfe. Mit einem Wirkungseintritt ist erst nach einigen Wochen zu rechnen.


Vitex agnus-castus latifolia alba: weissblühender Mönchspfeffer. Gewöhnlich sind die Blüten am Keuschlamm-Strauch blau, violett bis rosa. Während der Blütezeit von Juli bis August ist der sonst unscheinbare Strauch eine begehrte Nahrungsquelle für zahlreiche Insektenarten.

Seit dem Altertum ranken sich zahlreiche Legenden um den bis zu drei Meter hohen Strauch. Sie alle stehen im Zusammenhang mit Keuschheit und Reinheit.


Strittig ist, ob die prolaktinsenkenden Effekte von Vitex-agnus-castus-Extrakten auf einem dopaminergen Wirkungsmechanismus oder auf östrogenen Wirkungen beruhen.

In der Quadratur des Kreises

An kaum einer anderen Pflanze lassen sich so deutlich die Diskrepanzen zwischen Phytotherapie und Schulmedizin, der pharmakologischen Forschung und tradiertem Wissen, dem aktuellen Wissenstand und der Erfahrungsmedizin nachzeichnen wie am Mönchspfeffer. Auf der einen Seite ist der pharmazeutische Nutzen von Vitex-agnus-castus-Präparaten offenkundig, auf der anderen Seite fehlen die evidenzbasierten Nachweise. Umstritten ist nach wie vor der tatsächliche Wirkungszusammenhang, obwohl die in Frage kommenden Wirk- und Inhaltsstoffe längst identifiziert sind.


Tatsächlich haben Mönchspfefferfrüchte einen Einfluss auf den Hormonhaushalt. Er ist ein anerkanntes pflanzliches Arzneimittel bei Regelbeschwerden.

Pharmazeutisch interessant sind die Früchte des Mönchpfeffer-Strauches. Das sind leicht pfeffrig schmeckende Körner. In der Vergangenheit wurden sie genutzt, um die Libido von Mönchen zu dämpfen. Daraus leitete sich wohl der Name ab.

Inhaltsstoffe sind ätherisches Öl, in Form von Sabinen, 1,8 Cineol und alpha-Pinen. Charakteristisch sind die Iridoidglykoside – vor allem Aucubin und Agnusid – sowie Diterpene, Flavonoide und Gerbstoffe.


Widersprüchen auf der Spur

Mit einem ähnlichen Dilemma sehen sich die Forscher des ‚Interdisziplinären Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde‘ konfrontiert. Aus ihrer Sicht passt die das Prolaktin senkende Wirkung von Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus) nicht zu der seit der Antike tradieren Wirkung zur Anregung der Milchbildung. Aus Sicht der Forscher fehlt für diese behauptete Wirkung bis heute jeglicher Nachweis durch überzeugende klinische Studien. Sie monieren, dass im europäischen Markt Arzneimittel zur Anregung der Milchbildung auf sogenannter „traditioneller“ Grundlage und aufgrund langjähriger Verwendung angeboten werden, obwohl kritische Fachleute vor dem Gebrauch dieser Mittel warnen. Im Gegenteil: Mönchspfeffer könnte zum Abstillen sinnvoll sein – so die Meinung der Kritiker. Der Studienkreis führt dazu aus: „Letztendlich würde nur eine neue, gut geplante klinische Studie die Antwort geben, ob Mönchspfeffer vielleicht doch über eine komplexere Wirkung in einer passenden Dosierung die Milchbildung zu fördern vermag. Auch die historischen Texte sind noch einmal gründlich auf etwaige Übersetzungsfehler und Verwechslungen in der langen Rezeptionsgeschichte zu analysieren.“

Es bleibt spannend in der Welt der Arzneipflanzen. Mit Sicherheit dürfen wir uns im kommenden Jahr auf weitere Impulse der Forschergruppe aus Würzburg freuen!


Die Forschergruppe Klostermedizin

Der interdisziplinäre Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde kürt seit 1999 die Arzneipflanze des Jahres. Vorrangiges Ziel ist es, an die lange und gut dokumentierte Geschichte von Pflanzen in der europäischen Medizin zu erinnern. Aus dieser Geschichte können wichtige Hinweise für eine pharmazeutische und medizinische Nutzung altbekannter Heilpflanzen extrahiert werden.

Gegründet wurde der Studienkreis 1999 an der Universität Würzburg unter maßgeblicher Beteiligung von Prof. Franz-Christian Czygan († 2012) und Dr. Johannes Gottfried Mayer († 2019). Heute gehören der Jury Mediziner, Pharmazeuten, Biologen und Historiker verschiedener Hochschulen und Institutionen an.

Quellen:

Pressemitteilung: Mönchspfeffer ist Arzneipflanze des Jahres 2022; Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde, Würzburg, 9.12.2021

Hänsel, R. / Sticher, O.: Pharmakognosie Phytopharmazie; 9. Auflage, Springer Medizin Verlag Heidelberg, 2010

Goehl, K.: Das Circa Instans; Deutscher Wissenschaftsverlag, Baden-Baden, 2015