Blühende Pfingstrose im Schaugarten des MIP in Grasse.
|

Pfingstrose – der Stolz der Vorgärten

Pfingstrose (Paeonia lactiflora Pall.,  Paeonia veitchii Lynch)

Jeder kennt sie. Fast jeder mag sie. Spöttisch verschrien sind die dekorativen Blüten als Vasenschmuck älterer Damen. Tatsächlich ist die in kräftigen Rosatönen blühende Pflanze bei Frauen sehr beliebt. Ihrer einer gefüllten Rose ähnelnden Blütenform wird sie auch als Rose ohne Dornen bezeichnet. In unseren Breiten wird sie gelegentlich als weibliche Blume vereinnamt. Der botanische Name des dekorativen Gartenschmucks lautet Päonie. Der Name bezieht sich auf die griechische Mythologie. Der Götterarzt Paia soll mit der Pflanze den schwerverwundeten Pluto reanimiert haben. Die Ursprünge, der heute hier heimischen Pfingstrosen wird in China vermutet. Dort galt sie lange Zeit als die Blume des Kaisers. Das tatsächliche natürliche Verbreitungsgebiet sind Bergregionen in der nördlichen Hemisphäre mit gemässigtem oder subtropischen Klima.

Sind Pfingstrosen Kultur- oder Heilpflanzen?

Seit Ewigkeiten schwelt der Streit über die Wahrscheinlichkeit von Heilwirkungen der Pfingstrose und ihrer Pflanzenteile. Den Weg in unsere Breiten ebneten der Schönheit die Benediktiner. Sie brachten die Pfingstrosen über die Alpen mit und kultivierten sie in ihren Klostergärten. Daher stammt wohl eine weitere geläufige Bezeichnung der Päonie als die Benediktinerrose. Offensichtlich war auch die wohl bekannteste Benediktinerin mit der Pfingstrose und ihren Anwendungen zur damaligen Zeit vertraut. Hildegard von Bingen empfahl die Verwendung der Wurzeln und des Samens. Ihre Anwendungsgebiete beschrieb sie für Drei- und Viertagesfieber, Magenproblemen, Verschleimung, Ohnmacht, Fallsucht und Haarmilben.

„Und wenn der Mensch seine Besinnung verliert, als ob nichts wahrnähme, und wie in Exstase liegt, dann tauch Päoniensamen in Honig und leg ihn auf seine Zunge, und so steigen die Kräfte der Päonie in sein Gehirn auf und wecken ihn, so dass er schnell wieder zur Besinnung kommt und seinen Verstand zurückerhält.“

Hildegard von Bingen; Physica

Tatsächlich ist sie während der letzten zweitausend Jahre kontinuierlich als Heilpflanze in Erscheinung getreten. Die Anwendungsgebiete unterschieden sich je nach Epoche und Autor. Mit dem selben Problem, in der Beurteilung der Heilwirkung der Pfingstrose, sind wir noch heute konfrontiert. Immer wieder werden ihr neue Heilwirkungen und Anwendungsgebiete zugeschrieben. Phantasie und Wunschdenken der Autorinnen und Autoren scheinen dabei beängstigend grenzenlos.

Pfingstrosen – floraler Abschied vom Frühling und Gruss für den beginnenden Sommer

Pfingstrosen im Kreuzgarten Stift Zwettl.

Pfingstrose ohne belegbare therapeutische Wirkung

Ende Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts wurde seitens der Kommission E des BfArM geprüft, ob Pfingstrosenblüten und -wurzeln als Heilpflanzen anerkannt werden können. Die therapeutische Wirksamkeit von Pfingstrosenblüten (Paeoniae flos) für die Indikationen Haut- und Schleimhauterkrankungen, Gicht, Rheuma, Atemwegserkrankungen und -beschwerden, Gastritis, Fissuren und Rhagarden bei Hämorhoiden, sowie nervösen Herzbeschwerden konnte nicht belegt werden.

Das gleiche Bild ergibt sich bei der Pfingstrosenwurzel, die gegen Krämpfe, gastroenteralen Beschwerden, Migräne, Neurasthenie und Rheumatismus helfen soll. Auch für die Wurzeln (Paeoniae radix) konnten die beanspruchten therapeutischen Wirkungen nicht belegt werden. Daraufhin erstellte die Kommission E eine Negativ-Monografie für die Pfingstrose.

Fast zwanzig Jahre (2014) später kamen die Experten auf europäischer Ebene zum selben niederschmetternden Ergebnis. Für eine Anerkennung als Heil- und Arzneipflanze konnte noch immer nicht die Wirksamkeit der Pfingstrose belegt werden. Der internationale Expertenkreis der EMA/HMPC prüfte dem eigenen Vernehmen nach alle erhältlichen Studien, Daten und Literatur. Immerhin scheinen keine Risiken bei der Verwendung der Pfingstrose zu bestehen.

Die ursprünglich aus China stammende Pfingstrose verkörpert in der floralen Symbolik Reichtum, erfüllte Liebe und Heil.

Die ursprünglich aus China stammende Pfingstrose verkörpert in der floralen Symbolik Reichtum, erfüllte Liebe und Heil.

Profitable Pfingstrosen

Die Hersteller von Tees und Naturheilmitteln leiden unter dem selben Innovations- und Erfolgsdruck wie alle anderen Industriezweige. Hat ein verrückter Pionier einen Trend ausgemacht, müssen alle hinterher rennen, ob das nun sinnvoll ist oder nicht. Oft scheint hier auch die Devise zu sein: „Machen wir es nicht. Macht es ein anderer.“ So verhält es sich auch mit Pfingstrosenprodukten, die in jüngster Zeit in den Regalen und Anzeigen auftauchen. Als Zielgruppe sind die Frauen schnell ausgemacht. Weil es natürlich ist, scheint es den Konsumenten risikoarm. Für den Kunden ist es dann häufig ein teuer erkaufter Placeboeffekt.

Dabei läuft alles gesetzeskonform, wenn z.B. Pfingstrosenprodukte und -tees als Nahrungsergänzungsmittel oder Lebensmitteltees verkauft werden.

Ein differenzierter Blick nach Fernost

In der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) werden die Wurzeln der weissen Pfingstrose (Paeoniae alba) bei Menstruationsbeschwerden, Krämpfen und Kopfschmerzen angewendet. Die Wurzeln der roten Pfingstrose (Paeoniae ruby) werden bei der Behandlung von Schmerzen, Abszessen, Myomen und Menstruationsproblemen verwendet.

Auffällig ist, dass das Spektrum der Indikationen bei der TCM wesentlich eingegrenzter ist, als das bei der traditionellen europäischen Medizin der Fall ist. Hinzuzufügen ist, dass das Prinzip der TCM auf anderen Grundlagen basiert als das europäische. Vielleicht ergibt sich beim Blick nach Osten eine interessante Perspektive für die Pfingstrose.

Bauernrosen werden die Pfingstrosen auch gennant. Als ob Bauern sich keine Rosen leisten könnten!

Zeitlose Schönheit ohne Dornen

Ähnliche Beiträge

  • Besser Schlafen mit Mutterkraut?

    Auf die innere Uhr hören? Forscher der Mashhad University of Medical Sciences sind bei ihren Untersuchungen auf schlaffördernde Eigenschaften des Mutterkraut (Tanacetum parthenium) gestossen. Sie untersuchten die Wirkung von Mutterkraut-Extrakten an Mäusen und stellten fest, sie schliefen einfach länger. Was bisher am Tiermodell beobachtet wurde, könnte für uns Menschen kurz- oder langfristig von grosser Bedeutung…

  • Silberdistel – der Eberwurz

    Silberdistel (Carlina acaulis) Von den Alpen bis in die Mittelgebirge ist die Silberdistel weit verbreitet. Naturfreunden ist sie auch als pflanzliche Wettervorhersage bekannt. Ihre Blütenblätter haben die Eigenschaft, sich bei auftretender Feuchtigkeit nach oben zu wölben und das Blüteninnere vor Regen zu schützen. Daher stammt wahrscheinlich auch ihr Zweitname die Wetterdistel. Obwohl nur Schafe und Ziegen…

  • Heilsames Geniessen mit dem Duft der Rose

    Das Leben und die Liebe feiern mit einer Rosenbowle. Die Haut ist der Spiegel der Seele. Körperliches und seelisches Wohlbefinden drückt der Zustand unserer Haut aus. Ein Bad in Rosenblättern ist der oft beschriebene Gipfel von Genuss und Lebensfreude. Oft wird übersehen, dass Rosenblätter erwiesenermaßen ganz natürliche Heilmittel sind. Allein ihr Duft und die Farbe…

  • Familienzwist unter Kletten

    Unvergleichliche Schwestern Vom rein ästhetischen Gesichtspunkt aus betrachtet, ist die Filz-Klette (Arctium tomentosum) ihren beiden Schwestern eindeutig vorzuziehen. Ihr dekorativer dezenter grauer Filz zwischen den starren Grannen am kugelrunden Blütenstand akzentuiert ihr Erscheinungsbild, der robusten Schönheit mit derben Köpfchen auf wucherndem Kraut. Wie in den meisten Familien so auch in der Pflanzenwelt, werden häufig die…

  • Basischer Tee – Wie funktioniert das?

    Mindestens eine Sorte mit der Bezeichnung ‚Basen-Tee‘ findet sich in jedem Sortiment der Teeregale im Einzelhandel. Propagiert wird die Anwendung sogenannter basischer Kräutertees für Frühjahrskuren und Diäten. Gesundheitsbewusste fühlen sich bei der Auswahl unterschwellig verleitet, diesen Teesorten den Vorrang zu geben. Wie sinnvoll ist das? Nahrungsmittel, die wenig Proteine enthalten, wirken basenbildend. Dazu zählen Gemüse,…

  • Neues vom Pestwurz

    Pestwurz aus kultiviertem Anbau ist dem wildwachsenden gleichwertig! Bei der Erforschung von Inhaltsstoffen des Pestwurzes (Petasites hybridus) fiel Schweizer Forschern auf, dass wild gesammelter Pestwurz dem aus kultiviertem Anbau ebenbürtig ist. Sie konnten keine signifikanten Unterschiede in der Wirksamkeit zwischen kultivierten und wild gesammelten Rhizomen feststellen. Der Vorteil des kontrollierten Anbaus liegt auf der Hand….