Extrakte der Zaubernuss oder auch hamamelis helfen bei seborrhoischen Beschwerden an der Haut.

Zaubernuss – wird sie ihrem Namen gerecht?

Kann Hamamelis bei Neurodermitis helfen?

Über die Entdeckung der Fähigkeit von Rindenextrakt aus Hamamelis virginiana L. (Zaubernuss), die fürs atopische Ekzem typische Entzündungskaskade der Keratinozyten zu beeinträchtigen

Forscher der Università degli Studi di Milano kamen bei der Untersuchung von Hamamelis-Extrakten dem Entzündungsmechanismus bei Neurodermitis auf die Spur. Im Vergleich von standardisierten Hamamelis-Extrakten und spezialisierten Wirkstoff-Auszügen überraschte sie die überlegene Wirkung der Gesamtextrakte. Der bisherigen Wissensstand, dass die hauptsächliche Wirkung von Hamamelis bei Neurodermitis den Gerbstoffen von Zaubernuss-Extrakten zuzuschreiben sei, müsste demnach revidiert werden. Die beobachtete erhöhte Widerstandsfähigkeit der menschlichen Haut gegenüber Keimen und Bakterien bei Anwendung von Hamamelis-Extrakten wurde mit der adstringierenden (zusammenziehend) Wirkung der Gerbstoffe (Hamamelitannin) auf die oberen Gewebeschichten erklärt. Eine Hemmung der Entzündungskaskade in den Keratozyten (Zellen der Epidermis) konnte bei den Versuchen allerdings nur mit den Gesamt-Extrakten der Hamamelis erreicht werden. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit zeigen einmal mehr, dass die Bedeutung der Phytotherapie nicht in der Verfügbarkeit einzelner Wirkstoffe sondern wahrscheinlich eher im Zusammenspiel und in den Synergien diverser Komponenten und Wirkstoffgruppen zu liegen scheint.

Der Mailänder Forschergruppe gelang es, mit Gesamt-Extrakten der Hamamelis virginiana L. die Freisetzung von Mediatoren, die an der Autoimmunität der Haut (IL-6 und IL-17C) und an Allergien (TSLP, IL-6, CCL26 und MMP-9) beteiligt sind, abhängig von der Konzentration zu hemmen. Die Wirkungsweise wurde zumindest in Teilen auf die Beeinträchtigung der NF-κB-gesteuerten Transkription zurückgeführt. Darüber hinaus wirkte der Gesamtextrakt der Hamamelis den proliferativen Wirkungen von IL-4 entgegen und stellte K10, einen Marker für die Hautdifferenzierung, wieder her.

Hamamelis virginiana L. und die Signalsubstanzen des Immunsystems

Die oberste menschliche Hautschicht (Epidermis) besteht aus nahezu 90% Keratinozyten. Das sind Hautzellen, welche die Hornsubstanz Keratin produzieren. Schutz und Stabilität verleiht das Keratin der Haut und seinen Hautanhangsgebilden (Haare, Nägel) mit seinen wasserabweisenden Eigenschaften. Offenbar spielen die Keratinozyten eine ganz entscheidende Rolle bei der Bewältigung von Umwelteinflüssen und der Immunantwort darauf. Beispielsweise können Th2-Zytokine (antikörpervermittelte Immunantwort) und Umweltfaktoren wie physische Schäden und Mikroben die Freisetzung von TSLP (einem Alarm-Botenstoff) aus Keratinozyten fördern und so den gefürchteten Sensibilisierungsprozess auslösen, an dem dendritische Zellen, B-Zellen, Mastzellen und Eosinophile beteiligt sind. Im Falle der atopischen Dermatitis ist das der Beginn des Teufelskreislaufs. Sowohl der Gesamt-Extrakt aus der Hamamelis und das getestete Hamamelis-Tannin konnten im Versuch die Freisetzung des Zytokins TSLP hemmen. Wobei das in-vitro im verstärkten Masse mit dem Gesamt-Extrakt gelang.

In jeder normalen Immunreaktion erkennt der menschliche Körper schädliche Substanzen wie Pilzsporen, Bakterien, Viren, Fremdkörper und fremde DNA und setzt sich dagegen zur Wehr. Das kann allerdings das Immunsystem auch aus dem Gleichgewicht bringen, so dass es überreagiert. Die überschießende Entzündungsreaktion wird dadurch zum eigentlichen Problem für die Betroffenen. Das Protein Interleukin-6 (IL-6) ist einer der Botenstoffe des Körpers, welches diese Reaktionen steuert. Auch hier konnten die Forscher im Labor eine konzentrationsabhängige Hemmwirkung des Hamamelis-Gesamtextraktes auf die IL-6-Freisetzung nachweisen.

Ein Treiber für entzündliche Prozesse ist NF-κB, ein entscheidender Transkriptionsfaktor für die Gen-Expression aller bei atopischen Dermatitis beteiligten Zytokinen. Eine Vielzahl von Genen werden von NF-κB reguliert, die z.B. Chemokine, Zytokine, Immunmodulatoren, Zelloberflächenrezeptoren und Adhäsionsmoleküle kodieren. Zu den Auslösern oder Stimuli für die Aktivierung einer NF-κB-gesteuerte Transkription können bspw. neben physikalischem Stress (UV-Strahlung), Chemikalien, zelluläre Botenstoffe, wie Zytokine und Wachstumsfaktoren (TNF-α, IL-2, IL-8), oxidativer Stress gehören. Hemmen konnten die Forscher den Prozess der NF-κB Transkription mit dem Gesamtextrakt aus der Zaubernuss. Zur Überraschung des Forscherteams war die Vergleichssubstanz S6I (SAT6-Inhibitor) in der Lage, die NF-κB-gesteuerte Transkription vollständig zu blockieren. 

Ein wichtiges Chemokin, das an der Rekrutierung von Eosinophilen bei allergischen Reaktionen und atopsicher Dermatitis beteiligt ist; IL-4-induziertes CCL26, liess sich sowohl mit Hamamelis-Tannin als auch mit dem Gesamt-Extrakt hemmen. Eine deutliche Verbesserung der Testergebnisse liess sich durch eine Steigerung des Tannin-Gehaltes beim Gesamt-Extrakt beobachten. Diese Daten könnten auf einen synergistischen Effekt zwischen den im Gesamt-Extrakt enthaltenen Polyphenolen verweisen. Das würde die Bedeutung der komplexen pharmakologischen Zusammenhänge von Hamamelis virginiana L. als Phytotherapeutikum im Gegensatz zu differenzierten Wirkstoffen unterstreichen.

Hamamelis virginiana L. ein Komplex an Inhaltsstoffen

Die Haut von atopischer Dermatitis Betroffener ist gekennzeichnet durch Trockenheit, Dicke, Rötung und Juckreiz, verbunden mit Läsionen und einem erhöhten Risiko für bakterielle Infektionen. Neue Therapieansätze zur Behandlung der atopischen Dermatitis haben die Blockierung der Signalwege des Interleukins-14 im Fokus. Laut den Forschungsergebnissen gelingt das auch mit dem Tannin der Hamamelis und dem aus ihr gewonnenen Tannin. Als abnormale Proliferation wird schnelles Wachstum oder die Vermehrung, Wucherung von Zellen wie z. B. der Gefäß- und Epithelzellen bezeichnet. IL-14 ist daran beteiligt. Es übt im Falle einer atopischen Dermatitis auf die Keratinozyten eine pleiotrope Wirkung aus. Von einer pleiotrope Wirkung spricht man, wenn die Veränderung eines Gens die Expression anderer, verknüpfter Gene beeinflusst. Sie ist ursächlich für die Störung des Profilierungs-Differenzierungs-Gleichgewichts von Hautzellen. Damit verbunden ist die Zunahme der Hautdicke. Zugleich wird die Wundheilung beeinträchtigt und letztendlich die Funktion der Hautbarriere gestört. Die Profilierungs-Differenzierungs-Gleichgewichts-Funktion ist notwendig für den Erhalt einer gesunden Haut. Sie garantiert eine ständige Erneuerung der abgestorbenen Hautzellen durch alle Hautschichten hindurch. Sowohl mit dem Gesamt-Extrakt als auch mit dem Tannin-Extrakt konnten Hemmungen des Interleukins-14 im Laborversuch nachgewiesen werden. Die Wirksamkeit bei der symptomatischen Behandlung von Juckreiz und Hautbrüchigkeit bei Neurodermitis und Ekzemen ist bereits hinlänglich bekannt. Dass Hamamelistannin an der biologischen Aktivität gegen IL-4-abhängige Ziele beteiligt ist, könnte ein weiterer Wegweiser für neue Therapieansätze sein.

Quellen:

Piazza, S.; Martinelli, G.; Magnavacca, A.; Fumagalli, M.; Pozzoli, C.; Terno, M.; Canilli, L.; Angarano, M.; Maranta, N.; Dell’Agli, M.; Sangiovanni, E. Unveiling the Ability of Witch Hazel (Hamamelis virginiana L.) Bark Extract to Impair Keratinocyte Inflammatory Cascade Typical of Atopic Eczema. Int. J. Mol. Sci. 2022, 23, 9279. https://doi.org/10.3390/ijms23169279

https://medlexi.de/Zaubernuss; 19.09.2022

https://flexikon.doccheck.com/de/Keratinozyt; 18.09.2022

Jäger, Doreen: Die Rolle des Transkriptionsfaktors NF-κB bei der Entstehung von spinozellulären Karzinomen der Haut; Ludwig-Maximilians-Universität zu München; 2014.

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