Bunte Sommerwiesen sind nicht nur eine Freude für die Augen, sondern wegen ihrer Vielfalt auch wertvolle Futterflächen für viele Insekten.

Ein Hoch auf die Blütenvielfalt!

Können die negativen Effekte von Insektiziden auf unsere Insektenvielfalt mit einem besseren und vor allem vielfältigeren Nahrungsangebot ausgeglichen werden?

Dieser Frage ging ein Forscherteam der Universität Göttingen, des Berliner Julius Kühn-Instituts und der Universität Hohenheim nach. Sie untersuchten die Brutentwicklung von Wildbienen (Osmia bicornis) bei einem Futterangebot aus artenreichen Blütenmischungen im Vergleich zu Monokulturen und gleichzeitigem Einfluss von Insektiziden.

Klare Antwort – einfache Lösung

Im Prinzip überraschen die Ergebnisse der Forschungsarbeit nicht. Das Beachtenswerte allerdings ist, sie bestätigen anhand eines Feldversuches die Dringlichkeit eines reichhaltigen Futterangebotes für Insekten. In diesem Falle sind es die Wildbienen. 

„Mehr Blütenvielfalt könnte Insektizid-Effekte auf Wildbienen ausgleichen.“

Die Wildbienen wurden zur Beobachtung in mehr als fünfzig Käfigen auf einem Freigelände mit unterschiedlichem Futterangebot und Insektizidbelastungen untergebracht. Als Futter stand allen der üppig gelb blühende Raps zur Verfügung. Wildbienen mit einem besseren Futterangebot hatten zusätzlich einen Blühstreifen mit bis zu 16 Arten aus verschiedenen Pflanzenfamilien in ihrem Mesokosmos. Wesentlich mehr Nachkommen entwickelten die Kolonien, in denen ein reichhaltiges Futterangebot zur Verfügung stand. Je geringer die Futterauswahl war, umso weniger überlebensfähige Nachkommen brachten die Wildbienen hervor. Die schlechteste Reproduktionsrate zeigte sich in Monokulturen, wo nur Raps als Futterquelle zur Verfügung stand. Erstaunlicherweise konnte ein reichhaltiges Futterangebot die Auswirkungen von Insektiziden auf die Reproduktionsrate ausgleichen.

Karl, der Käfer und Biene Maja dürfen uns nicht egal sein!

Zur Frage, ob sich die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit auch auf Honigbienen übertragen lassen, äusserte sich Prof. Ingo Grass von der Hochschule Hohenheim zurückhaltend. Er betont, dass es sich bei der Wildbiene (Osmia bicornis) im Unterschied zur Honigbiene um eine solitäre Wildbienenart handelt. „Wiederum die Honigbienen zeigen als soziale Insekten ein ganz anderes Pollensammelverhalten und reagieren auch oft wesentlich flexibler auf Änderungen der Umwelt (z.B. in der Verfügbarkeit von Blütenressourcen).“ Allerdings leben nur relativ wenig Insekten in sozialen Gemeinschaften wie beispielsweise die Honigbiene. Denken wir an Schmetterlinge, Falter, Florfliegen und Käfer, sind das in der Regel solitär lebende Insekten. Sie pflegen lediglich während ihrer Fortpflanzungszeit Beziehungen zu ihren Artgenossen.

Der Einfluss von Insekten auf das ökologische Gleichgewicht und die Biodiversität wird häufig unterschätzt. Als Bestäuber und Verbreiter von Pollen leisten sie einen immensen Beitrag zur Vermehrung von blühenden Wildpflanzen und zur Ertragssteigerung der Agrarproduktion. Sie sichern unsere Nahrungskette und die Vielfalt auf Wiesen und Feldern. Damit schliesst sich der Kreis. Reduzieren wir die Reichhaltigkeit des Futterangebots für Insekten beispielsweise durch Monokulturen, setzen wir die breite Vielfalt von Wildpflanzen aufs Spiel. Das führt wiederum dazu, dass den Insekten weniger Futter zur Verfügung steht.

Bereits in einer vor vier Jahren im Fachmagazin Nature veröffentlichten Studie betonten die internationale Wissenschaftlergruppe den Zusammenhang vom Verlust von Arten und der damit einhergehenden Verarmung an biologischen Beziehungen. „Daraus lässt sich schließen, dass die Diversität der Nahrungsbeziehungen auch ungeheuer wichtig für die Funktionsfähigkeit unserer ohnehin schon verarmten Agrarsysteme ist,“ erläuterte damals Prof. Volkmar Wolters von der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Auch wenn die Studienergebnisse in erster Linie wichtige Empfehlungen für die Landwirtschaft enthalten, können wir alle einen kleinen Beitrag leisten. Ein bunter Streifen mit wildblühenden Pflanzen, ein Pflanzkübel mit einer bunten Blütenmischung ist immer die bessere Lösung als ein zubetonierter Vorgarten!

Die Radieschen von oben ansehen

Den glücklichen Wildbienen im Experiment standen als Futterquelle 16 Arten sechs verschiedener Pflanzenfamilien zur Verfügung. Das war eine Mischung aus Korbblütllern (Asteraceae), Raublattgewächsen (Boraginaceae), Kreuzblütlern (Brassicaceae), Schmetterlingsblütlern (Fabaceae), Mohngewächsen (Papaveraceae) und Resedagewächsen (Resedaceae). Die besten Ergebnisse erzielten die Rainfarn-Phazelie (Phacelia tanacetifolia) – eine sehr schöne für wildblühende Rabatten und Terrassenbepflanzungen geeignete einjährige Pflanze. Sie wird auch Büschelschön genannt.

Auch Radieschen (Raphanus sativus) beförderten den Bruterfolg der Wildbienen. Fleissige Gemüsegärtner können demnach Insekten eine Freude bereiten, wenn sie nicht alles ernten, sondern einige Pflänzchen stehen und blühen lassen. Prof. Grass verweist darauf, dass Radieschen (Raphanus sativus) im Vergleich zu anderen Pflanzen wesentlich weniger Blüten haben. „Dafür weiß man aber, dass deren Pollen einen großen Lipid-Anteil aufweisen und sie deshalb besonders nahrhaft sind.“

Einfach mal wild sein

Der Frühling steht vor der Tür. Viele Gartenliebhaber, Balkon- und Terrassenbesitzer denken jetzt darüber nach, was in der kommenden Saison auf ihrem Grund alles blühen und wachsen soll. Schön wäre es, wenn den Schmetterlingen, Faltern, Käfern und den Bienen ein Platz eingeräumt wird. Wer nun Befürchtungen wegen all der summenden und schwirrenden Besucher hat, dem seien die Worte von Prof. Wolters ans Herz gelegt: „Ein mich besonders berührendes Ergebnis ist, dass sich gerade Artengruppen, die wir Menschen für schädlich, lästig oder gar überflüssig halten, als funktionell sehr wichtig erwiesen haben.“


Quellen:

Felix Klaus et al. (2021): Floral resource diversification promotes solitary bee reproduction and may offset insecticide effects – evidence from a semi-field experiment. Ecology Letters. DOI: 10.1111/ele.13683

Santiago Soliveres et al.: Biodiversity at multiple trophic levels is needed for ecosystem multifunctionality DOI: 10.1038/nature19092

https://idw-online.de/de/news?print=1&id=657733; 28.06.2018

http://idw-online.de/de/news762372; 02.02.2021

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