Krampf lass nach!

Ein Bleiglasfenster, bemalt mit einer Kräuterhexe im Treppenhaus der Hamburger Dammtorpraxis.

Krämpfe und Koliken hat fast jeder von uns im Laufe seines Lebens schon durchleiden müssen. Krämpfe sind schmerzhaft und werden durch die Kontraktion glatter Muskelzellen hervorgerufen. Die Funktionen, Anspannungen sowie die Form der inneren Organe wird durch die glatte Muskulatur beeinflusst. Willkürlich steuerbar ist die glatte Muskulatur nicht. Die Steuerung der glatten Muskulatur ist Aufgabe des vegetativen Nervensystems (Sympathikus – Parasympahtikus). Während bei Koliken die Muskulatur in der Regel durch ein Hindernis blockiert ist, sind bei Krämpfen (Spasmen) häufig Störungen im Elektrolythaushalt oder des Stoffwechsels die Ursachen.[1] Im besten Fall reichen Handauflegen und leichte Massagen, um die Kontraktion zu lösen. Doch oftmals verlangt die Heftigkeit des Schmerzgeschehens nach einem Mittel, das wirksam den krampfhaften Schmerz oder dessen Ursache vertreibt. Neben zahlreichen Medikamenten bieten sich für die Entlastung und die Auflösung von Krämpfen eine Reihe von Wirkstoffen aus der Pflanzenheilkunde an. 

Erstaunlicherweise ist vieles über die Wirkweise von krampflösenden Arzneipflanzen bekannt. Zum grossen Teil sind auch die wirksamen Stoffgruppen identifiziert. Allerdings sind die Wirkweisen für spasmolytisch (krampflösend) wirkende Pflanzendrogen weitestgehend unerforscht. Hier greift weitestgehend das Wissen der Erfahrungsmedizin.

Wirksam, trotz nicht erforschter Inhaltsstoffe

Die unerforschte Seite der Kamille

Apigenin ein Flavonoid, das auch in der Echten Kamille (Matricaria chamomilla L.) vorkommt, wirkt erfahrungsgemäss krampflösend, ohne dass der Mechanismus geklärt ist. So geht es auch den Phenylalkolonen des Galgants (Alpinia officinarum). Ihre krampflösende Wirkung auf die glatte Muskulatur ist bekannt und gilt als erwiesen.[2] Wo genau der Stoff in den biochemischen Mechanismus eingreift, wurde bisher durch die Forschung nicht geklärt.

Konkreter wird es bei Thymian und Rosmarin

Einen Schritt weiter ist man bei zwei wichtigen pflanzlichen Wirkstoffen, die nachweislich spasmolytisch (krampflösend) wirken: Borneol und Valerensäure. 

Das Borneol ein Flavonoid aus der Stoffklasse der bicyclischen Monoterpene, findet sich in bekannten Heilpflanzen mit bekannter krampflösenden Eigenschaften, wie Lavendel, Thymian, Quendel, Salbei, Rosmarin.

Eine Möglichkeit zum Auflösen von Krämpfen der glatten Muskulatur besteht im Ausschalten der Reizübertragung von Nervenzellen auf die Muskelzellen. Diesen Bereich, wo die Nervenzelle an eine Muskelzelle gekoppelt ist, nennt man die motorische Endplatte (neuromuskuläre Synapse). Zwischen der Nervenzelle und der Muskelzelle besteht ein Spalt. Ein Neurotransmitter namens Acteylcholin überwindet bei der Reizübertragung den Synapsenspalt und überträgt so das Signal an die Muskelzelle. Bei Hemmung der Acetylcholin-Freisetzung oder der Aufnahme durch die Rezeptoren, wird die Signalübertragung blockiert.

Eine wilde Form des Thymians ist der Quendel

Ein wichtiger Inhaltsstoff des Salbeis ist das Borneol

Beim Borneol geht man davon aus, dass der Neurotransmitter Acteylcholin mit dem Borneol eine Bindung eingeht und auf diesem Wege seine Funktion verliert.[3] Das bedeutet, der Neurotransmitter kann an den spezifischen nAChR-Rezeptoren der Muskelzelle nicht wirken.[4] Die Kontraktion (das Zusammenziehen) des Muskels bleibt aus.

Die Wirkung der Baldrianwurzel bleibt rätselhaft

Neben der Hemmung der Acteylcholinfreisetzung in der Präsynapse (Nervenzelle) kann die Entspannung der Muskelzellen auch durch die Blockade von Rezeptoren erreicht werden. Vieles spricht dafür, dass die Valerensäure der Baldrianwurzel dazu in der Lage ist. Ein wahrscheinlicher Angriffspunkt sind die GABAA-Rezeptoren der Nervenzellen. Unter der Annahme, dass die Valerensäure an diese Rezeptoren bindet, würde es zu einer Hyperpolarisation der Zelle kommen. Das bedeutet, es würde eine Hemmung der Transmitter-Freisetzung erfolgen. Ohne Transmitter wird die Weiterleitung von neuronalen Impulsen zwischen den Nervenzellen unterbrochen. Das heisst, der die Aktivität auslösende Impuls erreicht die Muskelzelle nicht. Obwohl der genaue Wirkmechanismus noch nicht geklärt ist, spricht vieles dafür, dass die Valerensäure (Baldrianwurzel) auf diesem Wege die muskelrelaxierende Wirkung auslöst.[5]

Eine Vielzahl von Inhaltsstoffen und eine vielfältige Wirkung

Ist der Extrakt der Wirkstoff?

Die Wirkung des Echten Baldrians (Valeriana officinalis) ist vielfältig. Das könnte an der Vielzahl der enthaltenen Inhaltsstoffe liegen. Neben den anerkannten Anwendungen bei Schlafstörungen und seelischem Stress, scheint er auch das Potential für weitere die Psyche beeinträchtigende Krankheitsbilder zu haben. Lange Zeit fokussierte sich die Forschung auf die Valerensäure. Sie scheint allerdings nicht der alleinige Auslöser für die positiven Wirkungen des Baldrains zu sein. Möglicherweise spielen weitere Inhaltsstoffe eine grössere Rolle. In der Diskussion wird das in der Phytotherapie oft beobachtete Zusammenspiel der Substanzen nicht ausgeschlossen.


Quellen:

[1] https://flexikon.doccheck.com/de/

[2] Pharmakognosie Phytopharmazie; Hänsel Sticher, 9. Auflage, Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2010

[3] [4] https://doi.org/10.1016/S0006-2952(02)01444-2

[5] DOI: 10.1055/s-2007-993761