Gegen Husten ist mehr als ein Kraut gewachsen!

Nebel am Wald in der Nähe von Stams.

Es ist zwar keine Renaissance der Heilkäuter, aber die Schulmedizin greift gerne auf sie zurück.

Lungenfachärzte empfehlen Phytopharmaka für die Behandlung von erkältungsbedingtem Husten und Bronchitis. Damit sind die alten Bekannten: Efeu, Thymian, Primel, Holunderblüten und Pelargonienwurzeln wieder im Spiel.

Der erwartete Aufschrei nach einer bereits im Oktober 2013 veröffentlichten Studie, in der spanische Mediziner herausfanden, dass die Antibiotikagaben bei Husten und Bronchitis in den meisten Fällen genauso wirkungslos wie Placebo sind[1], blieb aus. Stattdessen veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin im Frühjahr dieses Jahres eine neue Behandlungsleitlinie für die Therapie von Husten und Bronchitis bei Erwachsenen.[2]

»Keine Wirkung auf den Husten, aber eventuell auf die Resistenzbildung.«

Pneumologe Dr. Peter Kardos zur allgemein üblichen Anwendung von Antibiotika bei Bronchitis oder erkältungsbedingtem Husten

Die Ergebnisse aktueller Studien lassen aufhorchen und erfordern ein konsequentes Umdenken in der Behandlung von erkältungsbedingten Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege. Nicht wie angenommen, sind Bakterien die Verursacher von Bronchitis und Husten, sondern es sind in den allermeisten Fällen Viren (ca. 90%).[3] Bekanntermaßen sind Antibiotika gegen Viren machtlos, weil sie und nur gegen Bakterien wirksam sind. Entsprechend niederschmetternd liest sich das Fazit des Frankfurter Pneumologen Dr. Peter Kardos zur allgemein üblichen Anwendung von Antibiotika bei Bronchitis oder erkältungsbedingtem Husten: „Keine Wirkung auf den Husten, aber eventuell auf die Resistenzbildung.“[4]

Alternativlos gegen Husten?

An Alternativen herrscht kein Mangel. Dr. Ilse Zündorf und Dr. Robert Fürst (beide forschen an der Goethe-Universität Frankfurt) betonen in einem Artikel für die Pharmazeutische-Zeitung „Im Indikationsbereich »akuter Husten« steht eine Reihe von Phytopharmaka zur Verfügung, die gemäß HMPC und ärztlicher Leitlinie einen nachgewiesenen therapeutischen Nutzen haben und daher im pharmazeutischen Beratungsalltag präferiert werden sollten.“ Das heisst: Damit sind die alten Bekannten wieder im Spiel!

Die alten Bekannten:

Efeu-blätter

Pelargoni-wurzel

Holunder-blüten

Thymian

Spitz-wegerich

Primel

Die HMPC (Committee on Herbal Medicinal Products) ist der Ausschuss der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), der für die Zusammenstellung und Bewertung wissenschaftlicher Daten zu pflanzlichen Stoffen, Zubereitungen und Kombinationen zuständig ist.[5] Auf der Basis ihrer Bewertungen erstellt sie für Pflanzen und Kräuter sogenannte Monografien. Der Inhalt der Monografien gibt Auskunft über die anerkannten Heilwirkungen und entsprechenden Indikationen. Alle Heilwirkungen der auf Wiesenwohl.de beschriebenen Pflanzen und Kräuter sind den Monografien der EMA/HMPC entnommen. 

Phytopharmaka sind Pflanzen, Pflanzenteile und Zubereitungen aus solchen, die zur Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten und Befindlichkeitsstörungen eingesetzt werden.[6] Dazu gelten auch die altbekannten Erkältungskräuter. Die Experten sprechen sich deutlich dafür aus, evidenzbasierte Phytopharmaka einzusetzen. Was nichts anderes bedeutet, dass nur die Heilpflanzen und -wirkstoffe eingesetzt werden sollen, die einen nachweislichen Nutzen haben. Das klingt sehr vernünftig. In der Sicht auf die Schulmedizin wirft das natürlich Fragen auf.

Ratlos bei Husten?

In der Eingangs erwähnten randomisierten klinischen Studie kamen die spanischen Mediziner zu der Erkenntnis, dass eine Behandlung mit entzündungshemmenden Medikamenten oder die Gabe eines Antibiotikums weder die Dauer der Hustenerkrankung beeinflusst, noch das Wohlbefinden der Patienten. Im Gegenteil, in der Patientengruppe unter Antibiotikagabe wurden unerwünschte Nebenwirkungen beobachtet.

Ist es da nicht verwunderlich, wenn homöopathische Präparate genauso gute oder schlechte Behandlungsergebnisse erzielen wie die der Schulmedizin?!

Ganz ernsthaft stellt sich die Frage: Was ist schief gelaufen während der letzten Jahre in der ärztlichen Therapie des erkältungsbedingten Hustens und der Bronchitis? Patienten wurden mit den einschlägigen Antibiotika therapiert, deren Wirkungen sich nicht von Placebos unterschieden.[7] Ist es da nicht verwunderlich, wenn homöopathische Präparate genauso gute oder schlechte Behandlungsergebnisse erzielen wie die der Schulmedizin?! Alles in allem sieht es nach einem fahrlässigen Umgang mit Antibiotika aus. Die Leidtragenden sind die Patienten, welche unter den Nebenwirkungen (Störungen im Magen-Darm-Trakt) zu leiden hatten und unter Umständen ungeahnt eine vollkommen unnötige Antibiotika-Resistenz erworben haben. Das ist rein zwar rein hypothetisch, aber spiegelt das Umdenken in den Therapieempfehlungen wieder.

Man kann es auch von der anderen Seite aus betrachten, was taugen die Studien und Informationen der Pharmaindustrie? Immerhin wurden die Antibiotika gerade für diese Indikationen ins Rennen gebracht und den Ärzten angepriesen. Sicherlich haben sie ihre erwiesene Wirkung auf die bakteriellen Erreger. Wenn aber erwiesenermaßen nur cirka 10% der akuten Bronchiti durch Bakterien verursacht werden, dann können sie nicht das Mittel der ersten Wahl sein! Wohlgemerkt, wir sprechen hier von Bronchitis und nicht von Pneumonie, der gefürchteten Lungenentzündung. Für den Einsatz von Antibiotika spricht nur das Risiko von Folgeerkrankungen oder einer tatsächlichen bakteriellen Infektion.

Vielleicht ist es auch dem Zeitgeist und dem Erwartungsdruck der Patienten geschuldet. Sie gehen zum Arzt und erwarten eine wirkungsvolle Medikation, die sofort und spürbar eine Verbesserung bringt. Natürlich lässt sich rätseln, wieso Patienten bei einer nicht adäquaten Medikation eine Verbesserung spüren? Auf der einen Seite haben wir den Placebo-Effekt. Auf der anderen Seite berichten amerikanische Psychiater, dass gerade das Auslösen von Nebenwirkungen patientenseits als Bestätigung der Wirksamkeit eines Medikamentes verstanden werden kann.[8] Mit nur einer Empfehlung für Kräutertees, Inhalationen und Ruhe hätte sich der Weg zum Arzt aus Patientensicht nicht gelohnt. Der Konkurrenzdruck ist groß, vor allem wenn der Patient das nächste Mal zum verschreibungswilligen Kollegen geht.

Ganz ohne geht es nicht!

Quälender Hustenreiz führt zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität der Betroffenen. Fast jeder kennt es, wenn Husten schmerzhaft wird, oder den Schlaf raubt. Lungenfachärzte empfehlen hierbei einen chemisch gewonnenen Arzneistoff- das Ambroxol. [9] Es gehört zu den zu den Hustenlösern (Expektorantien). Neben seiner schleimlösenden Wirkung besitzt es auch ein schmerzlinderndes Potenzial. Ambroxol wird als Tropfen, Saft, Tabletten, Retardkapseln, Lutschtabletten und Inhalationskonzentrat angeboten. Damit wird der Gang zur Apotheke obligatorisch und es schliesst sich der Kreis. Der Lungenspezialist Dr. Kardos betont, dass beim Einsatz von Phytopharmaka, ausschliesslich geprüfte Wirkstoffe verwendet werden sollen – und die gibt es nun mal nur in der Apotheke.

»Phytotherapeutika oder Ambroxol mit in RCTs nachgewiesener Wirksamkeit sollten bei klinischem Bedarf für den akuten Erkältungshusten zur Linderung der Intensität und Verkürzung der Dauer des Hustens verordnet werden.«

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin zur Diagnostik und Therapie von erwachsenen Patienten mit Husten

Übrigens:

Husten ist ein Reinigungsmechanismus der Lunge. Wenn Bronchialschleim sich in den Atemwegen sammelt, die Flimmerhärchen beim Abtransport von eingeatmeten Schmutz und Partikeln behindert werden (mukoziläre Clearance), oder Fremdkörper eingedrungen sind, wird automatisch der Hustenreiz ausgelöst. Bei erkältungsbedingtem Husten kommt es zur vermehrten Bildung von Bronchialschleim. Kräutertees, Präparate und Inhalationen mit schleimlösender Wirkung eignen sich zur Unterstützung des Heilprozesses.


Quellen:

[1] Efficacy of anti-inflammatory or antibiotic treatment in patients with non-complicated acute bronchitis and discoloured sputum: randomised placebo controlled trial BMJ 2013; 347 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.f5762 (Published 04 October 2013)

[2] Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin zur Diagnostik und Therapie von erwachsenen Patienten mit Husten; Februar 2019

[3] Epidemiology of viral respiratory infections. Monto AS, Am J Med. 2002 Apr 22;112 Suppl 6A:4S-12S. 

[4] https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-51522013/domaene-der-phytopharmaka/

[5] https://www.ema.europa.eu/en/committees/committee-herbal-medicinal-products-hmpc

[6] Psychrembel – Klinisches Wörterbuchg, 267. Auflage, Walter de Gruyer Verlag Berlin, 2017

[7] Efficacy of anti-inflammatory or antibiotic treatment in patients with non-complicated acute bronchitis and discoloured sputum: randomised placebo controlled trial BMJ 2013; 347 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.f5762 (Published 04 October 2013)

[8] The emperor‘s new drugs. Kirsch, I., Random House London, 2009

[9] Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin zur Diagnostik und Therapie von erwachsenen Patienten mit Husten; Februar 2019